Tapetenwald: Immanente Abstraktion

Wenn der Reiz eines Motivs in seinen zu Abstraktion führenden Elementen liegt, muss sich der Fotograf fragen, ob er dagegen ankämpfen oder sie voll ausnutzen will.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Jean-Pierre Ritler).

Kommentar des Fotografen:

Ziel: Reminiszenz an die gute alte Fototapete, die wohl ausgestorben ist…. oder dann etwas für Leute, die lieber schauen statt Drogen zu nehmen – aber den gleichen Effekt haben möchten. Aufgenommen im November 2007 im Naturschutzpark Padule di Fucecchio, Toskana, Italien.

Peter Sennhauser meint zum Bild von Jean-Pierre Ritler:

Deine selbstgestellte Aufgabe hast Du zweifelsohne gut gelöst. Die Aufnahme wirkt wie eine Prüfaufgabe fürs Auge – und zugleich etwas altbacken, ganz wie die erwähnten Fototapeten.

Ich finde, es dabei zu belassen, wird dem Bild nicht gerecht:

Tatsächlich steckt ein hypnotisierender Sog in diesem Gewirr von Baumstämmen. Das ist mir unterwegs in Norditalien und Südfrankreich immer wieder aufgefallen: Schon beim Vorbeifahren bringen diese Reih-Und-Glied-Jungaufforstungen die Welt zum Flimmern, und zwar nicht in der romantischen Art der Sonnenstrahlen in einem Laubwald, sondern leuchtstoffröhren-synthetisch.

Das ist zwar entweder in diesem einen Hain nicht der Fall oder aber Du hast eine entsprechende Perspektive gefunden, die etwas natürlicher wirkt.

Ausserdem brechen das Schilfbüschel und der eine Baumstamm im rechten Vordergrund das Stakkato ausreichend, um der Aufnahme grade genügend Natürlichkeit zu verleihen, dass sie nicht wie eine Photoshop-Manipulation wirkt.

Allerdings sind diese beiden Elemente für sich genommen nicht interessant genug, als dass sie den Anspruch der Landschaftsaufnahme allein zu tragen vermöchten. Wenn diese Absicht im Vordergrund stünde, würde ich den Trends der siebziger Jahre zum Trotz mit einer offenen Blende arbeiten und dem Wäldchen eine Tiefe durch Unschärfe verleihen. Dabei bliebe die Struktur der vertikalen Linien erhalten, zusätzlich entstünde aber wenigstens ein Raum.

Aber auch das scheint mir hier eigentlich nicht ideale Umsetzung. Denn das Stammesgewrr hat in der Tat eine hypnotische Wirkung. Das Interesse des Betrachters erhält das Bild nicht, weil es eine Sammlung interesssanter Bäume oder einen romantischen Schilfbusch zeigt.

Seine Spannung liegt in den Wellen von Vertikalen Linien, die natürlich sind und zugleich grotesk synthetisch wirken, und weil nach einigem Hinsehen plötzlich drei horizontale Bänder wie eine Überlagerung aus dem Bild auftauchen: Das Gewirr der Baumkronen, der offene Blick in die helle Landschaft und das Gewirr des Unterholzes, und alle drei bleiben gekreuzt von den Baumstämmen. Die wiederum sind eigentlich nur eine Sammlung von dunklen und hellen Linien.

Das gleiche Bild in S/WDies ist zwar eine Landschafts- oder Naturaufnahme, aber was daran interessiert, ist nicht die Natur und auch nicht die Landschaft, sondern das grafische Muster, das sich ergibt. Die Abstraktion ist immanent – und deswegen könnte oder sollte sie sogar weitergeführt werden: So spielt etwa die Farbe in dieser Aufnahme nahezu gar keine Rolle.

Wenn es aber in erster Linie um Linien und Flächen verschiedener Schattierungen geht, bietet sich die Schwarz/Weiss-Aufnahme an – und ich finde, in diesem Fall wirkt sie entsprechend stärker.

Darüberhinaus liesse sich mit dem Motiv sowohl vor Ort als auch am Bild selber in der Dunkelkammer mit Kontrast und Tonwerten weiter arbeiten und der Charakter verstärken, ohne dass dabei der ursprüngliche Aspekt und die visuelle Erinnerung daran, dass es sich um eine Naturaufnahme handelt, verloren gehen – jedenfalls so lange, wie der Vordergrundbaum und der Schilfbusch darin verbleiben.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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1 Kommentar
  1. David
    David sagte:

    Ein tolles Bild!

    Im Gegensatz zu Peter finde ich das Schilfbüschel aber eher störend, zumal es unten angeschnitten ist. Gerade dass es „wie eine Photoshop-Manipulation“ (Peter) wirkt macht für mich den Reiz des Bildes aus. Zusätzliche „Natürlichkeit“ schadet in meinen Augen diesem großartigen Effekt. Die matten Farben dagegen finde ich für das Bild (wie ich es sehe) sehr wichtig und sehr schön. Sie verstärken die Teilung in drei horizontale Bereiche und stellen in ihrer gedämpften Palette einen ruhigen Gegenpol zum Liniengewirr dar. Gerade farbig wirkt das Bild noch stärker wie ein abstraktes Gemälde, eine Experiment in Form und Farbe.

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