Yann Mingard: Von unserer Daten- und Sammelwut

Yann Mingard begab sich dorthin, wo wir all das sammeln und speichern, was von uns bleiben und für die Zukunft bewahrt werden soll. Er fotografierte unsere Daten- und Sammelwut in Bunkern und Höhlen.

Yann Mingard: Laboratory of Tropical Crop Improvement, Katholische Universität Leuven, Belgien, 2010. © Yann MingardMit seiner systematischen Arbeit stellt der Schweizer Fotograf Yann Mingard eine Menge Fragen an unsere Gesellschaft. Was halten wir für erhaltenswert für unsere Kinder und wie gehen wir damit um?

Die Art und Weise, wie wir sammeln, ordnen, archivieren beleuchtet gerade unseren gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Blick auf unsere Umwelt und das, was wir als Fortschritt ansehen. Um das Leben zu schützen und zu bewahren, wird es in Behältern eingeschlossen und in Bunkern aufbewahrt.Yann Mingard bebildert den unbedingten Glauben an den technischen Fortschritt mit dunklen Fotografien, wie wir zur Zeit im Fotomuseum Winterthur sehen können: Auf denen zeigen sich medizinische Gerätschaften, Datenserver, menschliche, tierische und pflanzliche Proben, Innen- und ganz selten auch Außenräume von Laboren und Archiven oft erst auf einen zweiten Blick. In vier Kapiteln behaupten seine Fotografien eine dunkle Rück- oder Kippseite des wissenschaftlichen Fortschritts, in der der Mensch die Natur immer weiter gezähmt, optimiert und seiner Analyse und Ordnungsmacht unterworfen hat.

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Im Kapitel Pflanzen etwa zeigt Yann Mingard vor nacht-schwarzem Hintergrund ein unschuldiges kleines Glasgefäß, wie das Fotomuseum weiter mitteilt. Darin befinden sich ein paar Samenkörnchen einer spanischen Pflanze, die weltweit nur noch in sechs botanischen Gärten existiert. Im Abschnitt Tiere trifft ein kopulierender Stier auf einen durch eine Glasscheibe vom Tier getrennten Wissenschaftler, der in ein Mikroskop starrt: Fortpflanzung als scheinbar perfekt abgezirkelter und kontrollierter wissenschaftlicher Vorgang. Ein Zylinder, der aussieht wie eine altmodische Wäscheschleuder oder der Roboter R2-D2 aus Star Wars, ist ein Bild aus dem Kapitel Mensch. Die Bildlegende informiert, in dieser Silbertrommel warteten vier in flüssigem Stickstoff tiefgefrorene menschliche Gehirne und ein Hund auf eine Zeit, in der sie vielleicht wieder aufgetaut und zu neuem Leben erweckt werden können. Vor einem Felsimitat aus Spritzbeton wie man es von Militärbunkern kennt, steht ein uniformierter Security-Beamter. Im Berg hinter der künstlichen Steinwand lagern Server mit Unmengen alltäglicher, aber auch hochbrisanter Daten, von denen wir täglich mehr produzieren und riesigen Speichern anvertrauen.

Von 2009 bis 2013 dokumentierte Yann Mingard ( Jahrgang 1973) mit seinem Projekt Deposit (Lagerstätte, aber eher für Abfall) an 12 Orten diese verrückt rationale Welt aus blanken Petrischalen, schockgetrockneten Pflanzensamen, mit Gummivaginas kopulierenden Tieren und Datenservern in alten Schutzbunkern. Die Ausstellung fordert dazu heraus, uns über diese Realitäten Gedanken zu machen. Wir finden die Bilder und noch mehr auch auf Yann MIngards Website. Im Göttinger Steidl-Verlag erschien im März ein Katalogbuch mit Titel [amazon 3869307625]Deposit[/amazon] (in englischer Sprache), das neben den Bildern auch zahlreiche Essays zum Thema enthält.

Yann Mingard – Deposit
Bis 25. Mai
Fotomuseum Winterthur, Grüzenstraße 44+45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
+41 52 234 10 60, fotomuseum@fotomuseum.ch
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Mittwoch 11 – 20 Uhr

Yann Mingard
Fotomuseum Winterthur

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