Farbfotografie vor dem Ersten Weltkrieg: Versunkene Welt um 1914

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die Technik so weit, dass erste Farbfotografien in einem vertretbaren Aufwand möglich wurden. Sofort schwärmten Fotografen  in die ganze Welt hinaus, um die Völker und ihr Leben farbig zu dokumentieren. In stillen Bildern zeigt sich eine versunkene Welt um 1914.

Albert Kahn, Les Archives de la planète. Auguste Leon: Bosnien-Herzegowina, Sarajevo, Brothändler auf dem Markt. 15. Oktober 1912 © Musée Albert-Kahn, Departement des Hauts-de-Seine

In Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren zeigt der Berliner Martin-Gropius-Bau jetzt die fast vergessenen Farbfotografien und Filme, die der französische Bankier Albert Kahn vor dem Ersten Weltkrieg in Auftrag gegeben hat. Außerdem im Gropius-Bau: Walker Evans.Für Albert Kahn (1860 bis 1940), so teilen die Ausstellungsmacher mit, stand die Kenntnis von Völkern, Bauten, Landschaften und Lebensweisen in direktem Zusammenhang mit der erhofften Friedfertigkeit der Menschen untereinander: Wer sich kennt, respektiert, und von Angesicht zu Angesicht begegnet, muss keinen Krieg führen.

1907 machten de Brüder Auguste und Louis Lumière mit ihrem neuen Autochromverfahren Furore. Das Autochrom und die sehr ähnliche Agfachrom-Rasterplatte von 1917 bleiben bis um 1930 die vorherrschenden Farbfotoverfahren. Erst um 1936/37 kamen die Farbfilme von Kodak und Agfa auf den Markt. Kahn beauftragte also 1908/9 Fotografen, die Welt mit dem brandneuen Autochrom-Verfahren zu dokumentieren. Mit den Farbbildern aus Europa, Asien und Afrika sollten gezielt ein Archiv der Menschheit aufgebaut werden. Fotografiert wurden lokale Szenerien, Menschen in typischer Kleidung und Monumente der Kulturgeschichte wie die Pyramiden in Ägypten oder das Taj Mahal in Indien.

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Aus dem globalen Bilderschatz von insgesamt rund 70 000 Bildern, der bis Ende der Dreißigerjahre zusammenkam, wurden für die Berliner Ausstellung über 160 Aufnahmen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ausgewählt. Den Mittelpunkt bilden die Autochrome aus dem Kahnschen Archiv. Gezeigt werden außerdem Aufnahmen und Projektionen von Adolf Miethe (1862-1927) und Sergej M. Prokudin-Gorskii (1863–1944).

Adolf Miethe, Erfinder einer panchromatischen Filmbeschichtung und damit Urheber des Dreifarbendrucks, hatte einen bedeutenden Anteil an der Fortentwicklung der Farbfotografie. Miethe dokumentierte mit seinem Dia-Verfahren deutsche Landschaften.

Das Miethesche Verfahren inspirierte wiederum den russischen Fotografen Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorskii, der bei Miethe Assistent war. Er dokumentierte das zaristische Russland von der Krim bis nach Sibirien. Zwischen 1909 und 1915 schuf Gorskii mehrere tausend Fotografien von großer Brillanz. Aus dem Deutschen Museum in München kommt dazu eine besondere Leihgabe: der originale Projektor, mit dem Sergei Prokudin-Gorskii dem letzten Zaren Nikolaus II. seine Arbeiten vorgeführt hat.

Parallel zur „Welt um 1914“ gibt es im Martin-Gropius-Bau die große Ausstellung zum Lebenswerk von Walker Evans. Wir haben über Walker Evans bereits vieles geschrieben – 2009 anlässlich der Ausstellung im Fotomuseum in Winterthur und 2012 in Köln unter dem Titel Jahrzehnt für Jahrzehnt. Deshalb verweisen wir hier darauf. Wer Walker Evans Originalabzüge noch nicht gesehen hat, auf keinen Fall verpassen! Zu sehen bis 9. November.

Die Welt um 1914 – Farbfotografie vor dem Großen Krieg
Albert Kahn, Adolf Miethe, Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski
Bis 2. November 2014
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, D-10963 Berlin
+49 (0)30 254 86–0, post@gropiusbau.de
Bis 24. August täglich 10-20 Uhr geöffnet
Ab 25. August geöffnet Mittwoch bis Montag 10-19 Uhr, Dienstag geschlossen

Martin-Gropius-Bau Berlin

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