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Du bist hier: Startseite1 / Schärfenverlagerung iPhone: Eine Sache der Physik2 / Bildkritik3 / Handyfotografie4 / Schärfenverlagerung iPhone: Eine Sache der Physik
Peter Sennhauser

Schärfenverlagerung iPhone: Eine Sache der Physik

14. September 2017/4 Kommentare/in Bildkritik, Handyfotografie/von Peter Sennhauser

Geringe Schärfentiefe bieten eigentlich nur sehr lichtstarke Objektive bei längeren Brennweiten – und in grossen Kameras. Der Effekt hängt nämlich auch mit der Sensorgrösse zusammen – und galt daher bisher für die winzigen Kameras in Smartphones als unerreichbar. Inzwischen schaffen sie’s doch – mit Software-Hilfe.

sttropez

Fred Germann aus Saarbrücken schreibt zu diesem Bild: Beim Sommerurlaub in St. Tropez aufgenommen, als Schnappschuss mit dem Iphone 6s mit dem Versuch der Schärfeverlagerung.

Achtung: Dies ist keine eigentliche Fotokritik. Ich fand Fred Hermanns Aufnahme einfach interessant, weil sie den Fokus (Tadaa!) auf einen grossen Unterschied der kleinen Handykameras zu den grossen Spiegelreflexkameras lenkt, den erst neue Software einigermassen zu überwinden weiss: Den Mangel der Kontrolle über die Schärfentiefe. 

Fred hat eine Seitengasse im südlichen Saint Tropez fotografiert: Wir blicken in dieser Farbaufnahme in die von gelben Häusern gesäumte, enge Gasse hinein. Bemerkenswert ist namentlich ein Stück Blumensäule oder ähnliches im linken Vordergrund, der nicht genau erkennbar, weil völlig in der Unschärfe und mit leichtem Rauschen versetzt.

Fred schreibt, dass er die Schärfenverlagerung testen wollte: Das heisst, die Schärfentiefe gezielt einzusetzen und damit Vordergrund und Hintergrund zu isolieren. In der Porträtfotografie wird dieser Effekt, der vor allem mit langer Brennweite bei offener Blende und relativ kurzer Distanz zum Motiv auftritt, zur „Freistellung“ des Motivs genutzt – man kann das gleiche in vielen Genres der Fotografie benutzen.

Ich habe schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass der grösste Nachteil der kompakten Digital- (oder auch Analog!) Kameras darin besteht, dass die Kontrolle über die Schärfentiefe, welche ein wichtiges Gestaltungselement ist, abnimmt – und zwar mit der Grösse des Sensors in Abhängigkeit zur effektiven Brennweite und der Blende.

Das iPhone 7 wurde von Apple schon mit einer Blendenzahl von 1.8 beworben: Eine Vollformat-Kamera mit einem solchen Objektiv schafft Aufnahmen auf kurze Distanz mit wenigen Zentimetern Schärfentiefe. Beim iPhone mit der realen Brennweite von 4.15mm ist das aber nicht der Fall: Hier sorgt die Physik dafür, dass alles, was zwei Meter und mehr entfernt ist, bereits scharf abgebildet wird. Beim iPhone 7s mit dem Dual-Objektivmodus spricht Apple von einem Äquivalent von 56mm Brennweite (Normalobjektiv, auch wenn Apple das als „Tele“ bezeichnet) bei Blende  f/2.8, was einer effektiven Brennweite von 7.7mm entspricht – hier entsteht eine Schärfentiefe von rund fünf Metern bei einem Motiv-Abstand von 3 Metern: Das reicht knapp, um eine Freistellung vor klar abgesetztem Hintergrund grade hinzukriegen.

Um aber in die Nähe der Schärfentiefeneffekte einer Vollformat-Spiegelreflex zu kommen, müsste das iPhone, wie das Blog Petapixel vorrechnet, ein Objektiv mit einem Durchmesser von 2 Zentimetern bei der Brennweite von 4.15mm aufweisen, was eine Blendenzahl von 0.2 ergäbe.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb Apple den Schärfentiefeneffekt als Porträtmode-bewirbt: Denn für Porträts auf kurze Distanz ist die Unschärfe ausreichend, für eine weiterführende Bildgestaltung ist sie kaum gestalterisch einsetzbar. Und das auch mit den von Apple softwareseitig in die Bilder hineingerechneten Verstärkungen des Schärfentiefeneffekts. Die stehen übrigens den Anwendern älterer iPhones in Form zahlloser Apps zur Verfügung.

Langer Rede kurzer Sinn: Du hast hier mit dem Vorgängermodell des iPhone 7, dem Modell 6, die Schärfentiefe ausprobiert – und einen Erfolg erzielt, indem Du den Abstand zum Objekt in der Unschärfe extrem gering gehalten hast. Das funktioniert indes auch bei den ganz kleinen Kameras immer. Aber als gestalterisches Element ist es sehr begrenzt einsetzbar.

Eine eher gangbare Variante sind die erwähnten Algorithmen und Filterfunktionen, die es auch als Apps gibt, mit denen Du den gewünschten Teil des Bildes scharf markieren und den Rest in Unschärfe verschwimmen lassen kannst. Der Nachteil bei diesen Software-Manipulationen ist, dass sie bisweilen übertrieben wirken und damit einen Fake Tilt-Shift oder Modellcharakter bekommen und dass die Grenzen zwischen Schärfe und Unschärfe nicht ausreichend abgestuft sind.

Schlagworte: Gestaltung, Handykamera, Schärfentiefe, Sensor
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https://static.fokussiert.com/1502609048/IMG_8249.JPG 2873 2873 Peter Sennhauser https://static.fokussiert.com/20151121174132/fokussiert-logo-schriftzug-klein-fok-300x62.png Peter Sennhauser2017-09-14 22:31:292017-10-10 21:55:13Schärfenverlagerung iPhone: Eine Sache der Physik
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4 Kommentare
  1. Volker
    Volker sagte:
    3. April 2018 um 15:52

    Die Handyfotografie wird Immer interesantele. Klar, in der Landschaftsfotografie spielt dir Schärfentiefe nicht so die primäre Rolle, da wäre eher lange Belichtungszeit sinnvoller (mit entsprechender Software geht das einigermaßen). Bei Porträts geht das auch wenn die Person Nähe ist wobei die Software Freistellung meiner Meinung nicht richtig gut ist. Es wird aber sehr interessant werden in den nächsten Jahren – da wird sich was tun.

  2. Katharina Franz
    Katharina Franz sagte:
    25. September 2017 um 15:03

    Mit dem neuen iPhone 8 Plus geht das auch ziemlich gut, siehe https://twitter.com/heartcrazed/status/911952684273537024

    • Peter Sennhauser
      Peter Sennhauser sagte:
      10. Oktober 2017 um 22:14

      Hallo Katharina – ja, auf sehr kurze Distanzen funktioniert das gut, hat es aber immer schon bei Winz-Sensoren: Das hiess dann „Makro-Modus“. Mit einem Objektabstand von zwei oder drei metern ist es dann aber gleich nicht mehr so prickelnd mit der Schärfen(un-)tiefe.

  3. Michael
    Michael sagte:
    20. September 2017 um 10:08

    Was man nicht alles mit seinem Handy das man sonst nicht wirklich beachtet alles machen kann. Vielen Dank für den interessanten und gut zu lesenden Beitrag! Liebe Grüße Michael Keulemann

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