Was der wohl erzählt …? : Kontext bieten

Daß das Foto leicht unscharf, sehr körnig und in schwarz-weiß gehalten ist, gibt ihm einen nostalgischen Touch. Für mich stimmt hier alles.

(c) Wolfgang Uhlig

An einem Markttag in Nimwegen (NL) sah ich diese Szene. Der Marktschreier, der Messersets verkaufte, war höchst unterhaltsam und erzählte die unglaublichsten Geschichten, die sich in den Gesichtern deutlich widerspiegeln, wie ich finde. Für mich lebt das Bild vor allem durch eben diese Gesichtsausdrücke, die von Unglauben vor allem bei den Männern bis zu Belustigung bei den Frauen gehen. Ohne anmaßend sein zu wollen, ist das für mich eine Szene Im besten Cartier-Bressonschen Sinne.

Mich würde interessieren, ob andere das auch so sehen oder solch eine Szene eher fotografisch langweilig finden.

Gemacht wurde das Foto mit einer Olympus OMD E-M5 mit einem Minolta Altglas-Zoom, ich meine es wären 35mm und Offenblende, also f 3,5 gewesen, daher die leichte Unschärfe.
Schwarz/weiß bearbeitet in Nik Silver Efex.

Es ist nicht anmaßend, einen der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts (fotografisch) zu zitieren. Indem man sich an den großen Könnern des Metiers orientiert, lernt man dazu.

Der von Dir angesprochene Cartier-Bresson hat einmal gesagt, der Fotograf sei in dem Moment kreativ, in dem er sich dazu entscheidet, auf den Auslöser zu drücken, um eine Szene, die das Leben ihm bot, instinktiv im richtigen Moment einzufangen. Das ist der entscheidende Moment. Ein Bruchteil einer Sekunde später oder früher kann bereits ein ganz anderes Bild bedeuten. Hier hast Du meines Erachtens im richtigen Augenblick auf den Auslöser gedrückt. Das war mit einem analogen Objektiv allein schon mal eine Herausforderung.

Zu sehen ist im Vordergrund links die Silhouette eines Mannes. Es ist nicht ersichtlich, warum er dort steht, oder warum die anderen ihm zuhören. Jedenfalls hat er eine kleine Menschenmenge vor sich versammelt, und jeder von ihnen hat einen vollkommen anderen Gesichtsausdruck. Ihre Reaktion schwankt zwischen amüsiert, skeptisch und interessiert. Wenn man auch nicht weiß, warum sie dort stehen, bietet der Mann im Vordergrund den Kontext, den das Foto braucht. Ohne ihn wäre die Geschichte nicht komplett, und daß Du ihn mit ins Foto genommen hast, beweist ein gutes Auge.

Optisch im Mittelpunkt steht der Mann mit dem Detroit Motors T-Shirt. Daß er vollkommen in der Mitte angeordnet ist, stört mich nicht, denn das trägt hier zum Charakter der Szene bei. Er scheint erstens einmal am interessiertesten zu sein, und zweitens bildet er das optische Gegenstück zu dem Mann im Vordergrund. Hättest Du das Foto rechts beschnitten, wäre es ein vollkommen anderes Bild. Ein gutes Beispiel dafür, daß Kompositionsregeln dazu da sind, gekonnt gebrochen zu werden.

6 Kommentare
  1. Erica di Motta
    Erica di Motta sagte:

    Guten Tag, Wolfgang: die Situation der Persönlichkeitsrechte sehe ich hier auch schwierig, es dürfen durchaus mehrere Personen fotografiert werden, ohne Nachfrage, wenn Sie in einer Szene sind. z. B. ein Platz vor einer Kirche und da ist die Kirche das Hauptmotiv. Dass dabei Menschen mit auf dem Bild sind, wird billigend in Kauf genommen. Bei Street, z.B. Straßenkünstler bekomme ich durch dass ich sie anschaue, Ihnen zeige, dass Sie direkt fotografiert habe eine mündliche Erlaubnis, je nach dem die Emailadresse und kann es abklären. Foto gegen Interneterlaubnis. Dies hier ist eine Gruppe, also mehr als eine Person, was man fotografieren dürfte, die Frage, da man deutlich die Geisichter sieht, ist für mich berechtigt. Es gab schon Urteile, wo sogar einer Einzelperson das Persönlichkeitsrecht abgesprochen wurde /Amerika) weil es als ein Bild für die Kunst verwendet wurde. Ein einzelner RA wird dies auch nicht entscheiden können, höchstens ein Richter, wenn eine Klage eingereicht würde. Bisher ist der Trend bei Fotografen deshalb Bilder mit Menschen aus einer Welt zu fotografieren, wo diese Menschen keinen Zugang zur Öffentlichkeit haben und daher auch sich nicht sehen oder klagen könnnen. In anderen Ländern ist die Situation des Persönkeitsrechts anders, ich habe in der Dom.Republik Menschen erlebt, die gepost haben um dann 1 Dollar als Spende zu bekommen.
    Ein wirklich heikles Thema, vor allem im Zeitalter der Informationsgesellschaft.
    Ich sehe es eher hier als ein Foto im künstlerischen Sinne.
    Ich denke aber, fast jeder hat eine eigene Meinung.

    Antworten
    • Wolfgang Uhlig
      Wolfgang Uhlig sagte:

      Danke für die Kommentare. Ich bin zurzeit in Lombok und die Internetverbindg ist grausig. Ich schreibe ausführlich, wenn ich zurück bin.
      Lieben Gruß
      Wolfgang

    • Wolfgang
      Wolfgang sagte:

      So, jetzt – wie versprochen – doch nochmal eine kurze Stellungnahme, obwohl ja inzwischen viel Zeit vergangen ist.
      Ich bin mir der schwierigen rechtlichen Lage, wie sie in D besteht durchaus bewusst. Zum Glück ist dieses Foto in den NL entstanden, wo die Menschen zum großen Teil trotz ähnlicher rechtlicher Situation entspannter damit umgehen, fotografiert zu werden.
      Wie Jörg schon richtig anmerkte, haben die Leute auf dem Foto mich durchaus beim Fotografieren gesehen und mir stillschweigend ihr Einverständnis gegeben.
      Dazu kommt, dass ich das Foto ja auch nicht kommerziell verwende und erst recht nicht in einen für die abgebildeten Personen negativen Kontext setze. Mir reicht das als Legitimation aus, auch wenn ein Richter das im Zweifelsfall anders sehen könnte.
      Wie wunderbar war das doch in Indonesien, wo ich die letzten vier Wichen war: Die Menschen haben im allgemeinen nicht nur nichts dagegen, fotografiert zu werden, sie sind oft sogar stolz und bitten einen darum!
      Ein Paradies für Street-Fotografen ;-)

      Lieben Gruß
      Wolfgang

  2. Jörg Fietkau
    Jörg Fietkau sagte:

    in der tat ein sehr schönes Bild. Mich hat ebenfals die verschiedensten Gesichtsausdrücke angesprochen und meine Fantasie angeregt, sogar so weit das ich mir dachte keiner merkt das der Herr hinten in der Mitte der Dame etwas rechts durch die Haare krault und seinem Nachbarn das Eis wegisst und dabei erwischt wurde. :-)
    Rechtlich denke ich ist es Grenzwertig, doch manchmal muss man mutig sein und Beschwerden in Kauf nehmen. Die Leute sind hier in einer Menge (wenn auch klein) dargestellt. Es ist deshalb für mich nicht so tragisch, ausserdem müssen Sie den Fotografen ja fast gesehen haben und hätten sich dann melden können.

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  3. Alex
    Alex sagte:

    Ein Klasse Bild Wolfgang, und ich kann mich Sofie nur anschliessen. Durch die vielen verschiedenen Gesichtsausdrücke, von fragend, schmunzelnd hin zu belustigt, kann ich als Betrachter des Bildes fast am „Verkaufsgespräch“ teilhaben. Streetfotografie wie sie sein sollte. Hier würde mich allerdings die rechtliche Seite interessieren. Wolfgang hat hier eine Gruppe fotografiert und 7 – 8 Personen sind sehr gut zu erkennen. Braucht es von den besagten Personen eine Einverständniserklärung wenn man das Bild z.B. im Internet veröffentlicht?

    LG Alex

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann sagte:

      Wir hatten hier auf fokussiert schon sehr hitzige Diskussionen zum Thema. Im Zweifel einen Anwalt fragen. In Deutschland steht das Recht am eigenen Bild über allem. In den USA andererseits gilt der Grundsatz der „reasonable expectation of privacy“.

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