Sofie Dittmann

Auch wenn Sofie die Fotografie etwas später entdeckt hat, ist ihr Enthusiasmus, was das Medium angeht, nicht weniger groß. Ihr Interesse gilt vor allem Kunstporträts und Stilleben, aber auch der Street Photography. “Ich glaube, ich bin vor allem vom Spontanen fasziniert, vom Situationellen, weswegen ich auch Szenen und Situationen bevorzuge, die von anderen geschaffen wurden.”

Nicht, daß sie die Dinge nicht selbst zusammenstellen könnte, aber auf diese Weise einen Augenblick einzufangen schafft ihres Erachtens etwas wesentlich Anregenderes, etwas Einzigartiges, sowohl für sie selbst als auch für diejenigen, die später das betrachten, was ihre Kamera eingefangen hat. Es ist wie eine Rede aus dem Stehgreif, spontan, aber im Augenblick eingefroren, mit einem Objektiv eingefangen.

Sofies hauptsächliche Inspiration und Bewunderung gilt den frühen Fotopionieren und ihrem experimentellen Stil, der so gekonnt sowohl die Zeit, in der sie lebten, als auch die Begeisterung über das neue Medium Fotografie widerspiegelte. Vor ein paar Jahren geriet Sofie durch Zufall in die “Foto”-Ausstellung in der Nationalgalerie in Washington, D.C., und dieser Moment veränderte ihr Leben. Zu sehen waren Aufnahmen und Collagen von 1918 bis 1945 aus Mitteleuropa. “Ich entschied damals, daß das, was ich gesehen hatte, mein kreatives Ziel sein würde. Ich weiß nicht, ob ich es jemals erreichen werde, aber ich arbeite hart daran.”

Sofie ist in Deutschland aufgewachsen und lebt in Wooster, Ohio, in den USA. Sie arbeitet unter anderem als Auftrags-Porträtfotografin und bloggt regelmässig auf ihrem Privatblog.

 

Alle 269 Artikel von Sofie Dittmann auf fokussiert.com:

Sperling im Stelenfeld oder „Guf – die Halle der Seelen“:
Negativer Raum und Color Key

Negativen Raum und Color Key gekonnt einzusetzen, ist nicht einfach.

NIKON D800, f/4, 1/125s, ISO125, 105mm - (c) Martin Wolfert

NIKON D800, f/4, 1/125s, ISO125, 105mm - (c) Martin Wolfert

Das Bild „Guf – die Halle der Seelen“ ist während meines Berlinbesuches Anfang Juni diesen Jahres entstanden. Das Motiv ist, in Verbindung mit der Örtlichkeit an der ich dieses Bild fotografieren durfte, für mich hoch emotional. Die Örtlichkeit ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Ich war nach einer guten halben Stunde des Verweilens und Gedenkens eigentlich schon am Gehen, als ich den Sperling auf dieser Steele sitzen sah. Die Situation war irgendwie unheimlich, es gab nur den Sperling und mich, alles andere um mich herum nahm ich wie in einem dichten Nebel, in einer dunkle Vignette in einem Bild wahr. Der Sperling lies mich auf ungefähr einen Meter herankommen, ich konnte nur dieses eine Bild machen, danach flog der Sperling in die Lüfte. Meine Gedanken kreisten danach um das Holocaustmahnmal und den Sperling und die Geschichte von „GUF – der Halle der Seelen“ aus der jüdischen Mythologie.

Du hast uns hier eine Aufnahme des Holocaust-Denkmals eingereicht, die Du „Guf – die Halle der Seelen“ betitelt hast. Zu sehen ist ein Vogel, wohl ein Sperling, der auf einer Betonstele sitzt. Ein Stelenfeld dieser Art kenne ich nur aus Berlin, und so hätte ich spontan auf das Holocaust-Denkmal getippt. Der Vogel schaut fast direkt in die Kamera und scheint sich dort auszuruhen. Der Rest des Fotos wird von anderen Betonstelen dominiert; die Aufnahme ist in Color Key gehalten, wobei der Vogel farblich etwas entsättigt ist.

Zum Technischen wäre hier anzumerken, daß Du laut EXIF mit einer Brennweite von 105 mm und f/4 fotografiert hast. Durch die relativ offene Blende sind bei dieser Brennweite der Vogel und seine unmittelbare Umgebung noch scharf, der Hintergrund verschwommen, so daß er gut freigestellt wurde. Das Stelenfeld wird dadurch zum Hintergrund, obwohl es eigentlich das Hauptmotiv ist; eine meines Erachtens gute Entscheidung.

Kompositionell befindet der Vogel sich genau im Schnittpunkt der Drittelteilung unten links (grün, Goldener Schnitt – rosa).

Vergleichsfoto (Komposition)

Vergleichsfoto (Komposition)

Da das Bild quadratisch beschnitten wurde und es spontan entstand, könnte ich mir vorstellen, daß Du es rechts gekappt hast. Wie dem auch immer sei, ich finde den Beschnitt goldrichtig, denn da das Foto so minimalistisch gehalten ist und starke geometrische Elemente enthält, muß wirklich alles stimmen.

Der Sperling und der scharfe Teil der Stele nehmen visuell etwa ein Viertel des Fotos ein (hellblau/gelb):

Vergleichsfoto (Bildaufteilung)

Vergleichsfoto (Bildaufteilung)

Wenn auch der Hauptbildgegenstand auf den ersten Blick der Vogel ist, so ist es doch der negative Raum, ausgefüllt von Stelen, der hier die Aufnahme „macht“ (Vogel grün eingerahmt):

Vergleichsfoto (Negativer Raum)

Vergleichsfoto (Negativer Raum)

Und das bringt mich zu der Umsetzung Deines Motivs. Das Stelenfeld in Berlin ist einer dieser vielfotografierten Orte, aus denen man fast nichts mehr herausholen kann, was man nicht schon so gesehen hat. Vor ein paar Jahren habe ich einmal ein Foto besprochen, wo es der Fotografin dennoch durch einen radikalen Perspektivenwechsel gelungen ist. Du hast es hier mit dem Einsatz zweier Stilmittel erreicht, Color Key und negativem Raum. Das Stelenfeld wird sonst gerne so dargestellt, daß man eine abstrakt-geometische Anordnung derselben sieht. Die gibt es in Deinem Bild auch, allerdings mit anderem Blickwinkel.

Der Titel Deines Fotos bezieht sich auf eine Geschichte aus der jüdischen Überlieferung, wonach alle Seelen derer, die noch geboren werden sollen, sich in der Halle der Seelen befinden. Nach dieser Vorstellung hat Gott alle Menschenseelen auf einmal erschaffen, und sie werden im Guf aufbewahrt, um sich nach und nach mit den Körpern der Menschen zu vereinigen. Immer, wenn ein Kind geboren wird, erhält es von dort seine Seele. Es heißt, daß nur die Sperlinge sehen können, wenn eine Seele den Guf verläßt, und dann singen sie. Jedes Mal also, wenn ein Kind geboren wird, hört man irgendwo auf der Erde einen Sperling singen. Sie werden erst aufhören zu singen, wenn keine einzige Seele mehr in der Halle der Seelen ist, sie alle aufgebraucht sind.

Das hast Du visuell in Kontrast gesetzt mit einem Bauwerk, das der jüdischen Toten des Holocaust gedenken soll. Es sieht auch hier im Foto aus wie ein Gräberfeld, und auf einem der Gräber/Grabsteine sitzt ein Spatz. Auch wenn man den Titel Deines Fotos außer acht läßt, kann man die Verbindung mit Leben durchaus knüpfen, trotzdem man nicht voraussetzen kann, daß sich jeder Betrachter mit jüdischer Überlieferung auskennt. Ich selbst mußte es erst einmal nachschlagen. Jedenfalls sitzt hier ein lebendiges Wesen inmitten von Totem – ein Bote vielleicht?

Dein Bild hätte sehr leicht in Kitsch abgleiten können, wenn Du den Vogel größer in der Aufnahme gelassen hättest, oder wenn er nicht leicht entsättigt wäre. So bildet er einen Kontrapunkt zu dem Stelenfeld, dem ja Dein Besuch galt. Auch der dezente Color Key paßt hier, denn es sieht natürlich aus (ob Du den Vogel nachträglich anläßlich Deiner Nachbearbeitung in Photoshop noch entsättigt hast, spielt keine Rolle – das Ergebnis zählt). Das, verbunden mit Deiner Nutzung von negativem Raum, „macht“ hier das Foto. Negativen Raum gekonnt einzusetzen, ist nicht einfach. Vielfach sehen wir von Lesern eingereichte Aufnahmen, bei denen der erste Impuls ist, sie (weiter) zu beschneiden, weil eben jenes nicht geglückt ist. Du has es hier meines Erachtens geschafft, denn das Stelenfeld ist Kontext und in den Hintergrund gerücktes Hauptmotiv.

Fazit: auch ohne den Hintergrund der „Halle der Seelen“ ist Dein Foto eines, das ich rundherum gelungen finde. Du hast Dir bei der Aufnahme, wie auch bei der Nachbearbeitung Gedanken gemacht, und das wird deutlich.

Konstanzer Rheintorturm als Abstrakt:
Einen Dreh anders

Über Linien und Farbklekse hinaus: gute Abstrakte verraten einen eigenen künstlerischen Gedankengang.

Canon PowerShot G1 X, 4s, ISO 100, f/16, 15.1 mm - (c) Lutz Rauschnick

Canon PowerShot G1 X, 4s, ISO 100, f/16, 15.1 mm - (c) Lutz Rauschnick

Zusammen mit einem Jazzmusiker arbeite ich an einem Projekt “Raum und Zeit”, bei dem ich seine fast kontemplative Gitarrenmusik in Serien von Fotos umsetze. Dies ist eine Aufnahme aus der Reihe “Konstanzer Rheintorturm” (insgesamt ca. 80 Bilder). Mit meiner Canon G1X (Objektiv 15.1-60.4) habe ich bei Blende 16 und ISO 100 vier Sekunden aus der Hand belichtet und dabei nach zwei Sekunden die Kamera um 90 Grad nach rechts gedreht.

Wenn wir im Backend Bilder auswählen, sehen wir zunächst nur die Titel. Du hast uns dieses hier mit dem Titel „Konstanzer Rheintorturm“ geschickt, und eben jenen habe ich erwartet – und ein Abstrakt desselben gefunden.

Abstrakte Kunst/Fotografie ist meiner Meinung nach eine der schwierigeren Kategorien, denn es sieht alles so leicht aus. Man nimmt ein paar Linien ins Foto, ein paar Farbklekse, schon ist das Motiv komponiert. Das nehmen viele jedenfalls an („Mein Hund könnte das malen,“ sagte mal eine Freundin zu mir, als wir eine Ausstellung besucht haben), und vieles auf flickr und anderswo sieht auch so aus. Doch gute Abstrakte zu fotografieren ist aus eigener Erfahrung nicht einfach, und die Meinungen gehen zum fertigen Werk meist weiter auseinander als in anderen Kategorien. » weiterlesen

Wasserfall im Panoramaformat:
„Green as the Falls“ – Weniger mittig

Ausrüstung macht nicht das Bild; Dein Auge und fotografisches Können machen das Bild.

Ausgangsbild

SONY SLT-A57 – 2 s – ISO100 – f/11 – 45mm – (c) Niko Zens

 

Dieses Bild ist auf einem Wanderweg in Richtung Trimbs entstanden. Man wäre an diesem Motiv einfach vorbei gelaufen, hätte nicht am Wegrand ein Schild mit der Aufschrift “Foto-Stelle” gestanden, welches einen 50m abseits des Weges führte. Das Bild ist beinahe ein richtiges “Low-Budget-Foto”, ich bin erst 17 Jahre alt und bin somit gezwungen mein Hobby möglichst effizient zu betreiben ;) Das Objektiv, mit welchem ich hier fotografiert habe, ist ein Minolta AF 28-85mm 3,5-4,5 welches ich für einen kleinen, zweistelligen Betrag auf dem Flohmarkt gefunden habe. Hier kam ein ebenfalls ziemlich günstiger Hoya ND-Filter zum Einsatz, platziert war die Kamera auf einem günstigen Einsteigerstativ.. Ich frag’ mich oft, ob man mehr braucht.

Mich würde eure Meinung zu dem Foto sehr interessieren – freue mich über eine Rückmeldung!
Liebe Grüße,

Niko

Du hast uns das vorliegende Foto mit dem Titel „Green as the Falls“ in der Kategorie „Landschaft“ eingereicht. Zu sehen ist ein weich verschwommener kleiner Wasserfall, eingerahmt von Grün, augenscheinlich im Wald aufgenommen. Aus dem Kontext des Bildes heraus kann man nicht erkennen, um welchen Wasserfall es sich genau handelt, aber das ist auch hier nicht sehr wichtig. Ich mag, wie sich das Wasser im Vordergrund in Wirbeln bewegt, fast schon wie marmoriert. » weiterlesen

Deutsches Weltkulturerbe – Teil 5:
Brühl, Lorsch, und Völklinger Hütte

Völklinger Hütte - (c) Carsten Schröder

 

Gerade erst wurde die Hamburger Speicherstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und wir haben das als Anlaß genommen, die gesamte Liste auf SPON durchzugehen. Motive diese Woche: Schloß Augustusburg/Falkenhorst in Brühl, Kloster Lorsch. Die Völklinger Hütte war zwar nicht auf der Liste von SPON, gehört aber dennoch zum deutschen Weltkulturerbe. Unser Autor Carsten Schröder hat uns, als er noch lediglich Leser war, dieses exzellente Foto geschickt – weswegen es jetzt das Titelfoto des letzten Teiles wurde.

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Deutsches Weltkulturerbe – Teil 4:
Wartburg, Wattenmeer, Goslar, Speyer und Trier

Wartburg - (c) Joerg Barkholz

Wartburg - (c) Joerg Barkholz

 

Gerade erst wurde die Hamburger Speicherstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und wir haben das als Anlaß genommen, die gesamte Liste auf SPON durchzugehen. Motive diese Woche: die Wartburg, das Wattenmeer – und noch ein paar mehr.  » weiterlesen

Deutsches Weltkulturerbe – Teil 3:
Gartenreich Dessau-Wörlitz

Georgium Dessau, Gelber Sitz - (c) Sofie Dittmann

Georgium Dessau, Gelber Sitz - (c) Sofie Dittmann

 

Gerade erst wurde die Hamburger Speicherstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und wir haben das als Anlaß genommen, die gesamte Liste auf SPON durchzugehen. Motiv diese Woche: das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Wie es scheint, hatte keiner unserer Leser Fotos dieses Motivs zu bieten, also habe ich mir erlaubt, eine Handvoll Bilder, die ich 2013 im November dort gemacht habe, einzustellen.  » weiterlesen

“Candidplatz, München“ auf Ilford HP5+:
Das analoge Medium macht nicht allein das Bild

Wenn das fotografische Medium schlußendlich das Foto macht, sollte man das Motiv noch einmal erkunden

Candidplatz, München auf Ilford HP5+, (c) Gregor Boos

Candidplatz, München auf Ilford HP5+, (c) Gregor Boos

Entstanden im U-Bahnhof Candidplatz in München auf ILFORD HP5+, Canon EOS 500, Zoom 35-80mm auf 35mm eingestellt, Film selbst entwickelt und vergrößert auf 13x18cm.
Scan vom Abzug.

Du hast uns eine eingescannte Aufnahme des zum Bahnsteig führenden Ganges der U-Bahnstation Candidplatz in München geschickt. Dieser Bahnhof, wie U-Bahnhöfe überhaupt, sind bei Fotografen ein beliebtes Motiv, der Architektur wegen. Man sieht die Station Candidplatz online jedoch oft in Farbe und digital eingefangen; Du hast Dich dagegen nicht nur für schwarzweiß, sondern auch für analog entschieden. » weiterlesen

Deutsches Weltkulturerbe – Teil 2:
Kölner Dom

Kölner Dom bei Nacht - (c) Elmar Bauer

Kölner Dom bei Nacht – (c) Elmar Bauer

 

Gerade erst wurde die Hamburger Speicherstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und wir haben das als Anlaß genommen, die gesamte Liste auf SPON durchzugehen. Motiv diese Woche: der Kölner Dom. Leider gab es dieses Mal nicht besonders viele Einsendungen, wir hoffen aber für die nächste Runde auf mehr.  » weiterlesen

Geschmack oder objektives Urteil:
Was ist Kitsch
– und wer entscheidet das?

(c) Sofie Dittmann

Washington Monument, DC

Wir werden bei Bildeinreichungen immer wieder gefragt, ob das jeweilige Foto unserer Meinung nach „Kitsch“ sei oder das Motiv abgeliebt. Laut Duden definiert sich Kitsch als „aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos (und sentimental) empfundenes Produkt der darstellenden Kunst, der Musik oder Literatur; geschmacklos gestalteter, aufgemachter Gebrauchsgegenstand“. Fragt sich der Leser unwillkürlich, wessen Kunstverständnis denn hier gemeint sein könnte oder sollte. Fest steht jedenfalls, daß bestimmte Fotos/Motive allgemein als kitschig empfunden werden, beispielsweise Sonnenuntergänge. » weiterlesen

«Playing Bass»:
Bühnenaufnahme mit zuviel Raum

Bei manchen Fotos macht der Beschnitt das Bild

(c) Olaf Veit

Nikon D800 – F 3.2 – 1/125 Sek.- 100.0 mm – ISO-4000

 

Die Aufnahme entstand während eines Polo Hofer Konzertes. Ich habe diese in schwarzweiss umgewandelt und wäre froh über eine Beurteilung.

Du hast uns eine Bühnenaufnahme eines Konzerts eingereicht, in der der Bassist einer Band „im Augenblick“ zu sehen ist. Er hat die Augen geschlossen, spielt vielleicht ein Solo – man weiß es nicht. Polo Hofer mußte ich zugegebenermaßen erst einmal nachschlagen; es handelt sich um einen Schweizer Mundart-Rocker, und der abgebildete Musiker ist demnach Teil seiner Band. Persönlich mag ich diese Art von Musik, speziell etwa so Leute wie Hubert von Goisern, und wünschte mir, es gäbe mehr ihrer Sorte anstatt des vorherrschenden pseudo-englischen Musikbreis, den man sonst geboten bekommt. » weiterlesen