Studiofoto: Reduziert bis zuletzt

Reizvolles Experiment mit Licht, Glas und Wasser: Diese Fotografie erreicht Abstraktion durch Hyperrealismus.

Wasserglas, Studiofotografie

Wasserglas, Studiofotografie, NIKON D300, 1/100s bei Blende 7 mit 105mm Brennweite bei ISO 160, erzwungener Blitz. © Bernd Schösser

Bernd Schösser aus Hasselroth schreibt zu diesem Bild:
Die Idee hier war, ein Glas in seiner einfachsten Form als abstraktes Bild dar zustellen. Es sollten so wenige Elemente (Lichtreflexe) wie möglich im Bild erscheinen, die von der Form ablenken. So sollte es keine oder wenigsten nur sehr geringe Achsenfehler beim Glas geben. Ich meine damit, dass der vordere und hintere Glasrand / die Flüssigkeit sich decken sollten. Eine weitere Erwartung ist es, den Betrachter einen Moment mit einem doch „sehr einfachen“ Foto zum hinsehen zu locken.

Wir alle kennen das: Das kleine Vorschaubild einer Fotografie im Monitor der Kamera wirkt spannend und scharf – das originalgrosse Bild später ist technisch in Ordnung, aber verliert seine Wirkung mit der Grösse. Und dann gibt es den umgekehrten Effekt: Als Icon wirkt die Fotografie nicht als Blickfang. Ab einer bestimmten Grösse dagegen zieht sie alle Augen an.

Diese Farb-Fotografie eines Wasserglases, die praktisch keine Farben aufweist und nur von Form und Kontrast lebt, ist so ein Fall. Im rechten Drittel der vor einem grauen unendlich-Hintergrund (Affiliate-Link) aufgenommenenen Fotografie ist ein klares Wasserglas zu sehen, das mit einer ebenso klaren Flüssigkeit gefüllt zu sein scheint. Das Glas spiegelt sich im Vordergrund, die Spiegelung löst sich vor dem unteren Bildrand in einem Verlauf auf.

Ich mag mir nicht vorstellen, wie lange Du an dieser Aufnahme gefeilt hast: Wer schon mal versucht hat, die Lichtbrechung einer Flüssigkeit oder die Spiegelung in einem Trinkglas zu fotografieren weiss, dass der richtige Fokus und die Beleuchtung ein wahres Geduldsspiel sind.

Vom technischen Standpunkt ist zu bemerken, dass das Bild durchgehend scharf und dem Gegenstand oder der Absicht entsprechend korrekt belichtet ist.

Histogramm Wasserglas

Das Histogramm: Farbbild mit minimalsten bunten Pixelüberschüssen.

Dein Bemühen, die Perspektive exakt in der Achse des Glasrandes zu bringen, ist ebenfalls belohnt worden, und dank der relativ langen Brennweite von 105mm ist die „Draufsicht“ auf die unter dem Glasrand liegende Flüssigkeitsoberfläche und den Glasboden kaum, aber gerade noch so wahrnehmbar, dass die Fotografie erkennbar bleibt und nicht für eine Grafik gehalten wird.

In der Umsetzung scheinst Du aber alles genau darauf ausgelegt zu haben – und das macht die Wirkung der Fotografie aus: Sie ist in der Reduktion von Farbe und Licht dermassen radikal (und in der Komposition mit dem rechten Drittel zusätzlich in der Raumaufteilung), dass man unweigerlich genau hinschaut, um zu prüfen, ob es sich um Realität oder Synthetik handelt.

So, wie beim Leder kleine Narben auf die Natürlichkeit hinweisen, suchen wir in dieser Fotografie nach Hinweisen auf ein Lichtbild. Unreinheiten im Glas, ein Bläschen im Wasser – nichts davon zeigt sich. Dadurch wird die Darstellung abstrahiert: Sie wird zum Schatten und zur Lichtbrechung eines mit Wasser gefüllten Glases ohne dessen Charakter, ohne Fingerabdrücke, Spiegelungen, Farbeinflüsse.

Histogramm Farbe Wasserglas

Das Histogramm zeigt übrigens eine sehr ungewöhnliche Formation: Alle drei Basisfarben sind fast absolut identisch (aber nur fast). Damit handelt es sich um eine „natürliche Schwarzweiss-Fotografie“: Das Bild besteht nur aus identisch unterschiedlichen Helligkeitswerten aller Farben, was eben eine Abstufung von weiss bis schwarz ist. Du hast dem Bild also nicht die Farbe entzogen, sondern dem Motiv: Es gab keine Farbe im Setting. Das ist eine weitere Ebene der Reduktion und der Abstraktion.

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Ich würde mir vorstellen, dass die Aufnahme in hoher Auflösung, so gross wie möglich gedruckt, am besten wirkt: Wenn der unwillkürliche Versuch, eine Imperfektion zu finden, auch beim Herantreten an das Bild nicht erfolgreich wird. Oder, noch besser: Vielleicht eben doch, indem die nicht ganz symmetrische gleiche Dicke des Glases über dem Boden das Quäntchen Unregelmässigkeit bringt, das die Realität der rafischen Perfektion voraus hat.

Einziger Wermutstropfen ist für mich die vor dem unteren Bildrand auslaufende Spiegelung. Und zwar deshalb, weil wir diesen Effekt von allgegenwärtigen Grafiken und Icons auf dem Mac-Desktop und dergleichen kennen. Ich würde die Spiegelung deswegen entweder knallhart aus dem Bild laufen lassen. Oder ich hätte weiter experimentiert und versucht, sie insgesamt in den Frame zu setzen.

Jedenfalls bin ich froh, mir Deine Aufnahme schliesslich doch noch gross angesehen zu haben, denn in ihrer gesamten kalten, reduzierten Perfektion legt sie eine ganz andere Wirkung an den Tag.

Konzeptbild: „Your Tattered Throne“

Color Key kann funktionieren, wenn er gut gemacht ist UND zum Foto paßt.

PENTAX K-3 - f/2.8 - 1/1250 s - 35 mm - ISO 100 - Zeitautomatik - (c) Jens Ochlich

PENTAX K-3 – f/2.8 – 1/1250 s – 35 mm – ISO 100 – Zeitautomatik – (c) Jens Ochlich

Jens Ochlich aus Oceanside, CA USA schreibt zu diesem Bild:

Ich habe dieses Foto vor genau einem Jahr an dem Ufer der Salton Sea in Kalifornien gemacht. Die Salton Sea war einst die „Riviera Der Wüste“, mit regelmäßigen Besuchen von Hollywood Größen aus dem nur zwei Stunden entfernten LA. Da der See aber ursprünglich nur durch einen Dammbruch entstanden ist und kein selbst erhaltender, natürlicher See ist, fingen Mitte der Siebziger Jahre die Probleme an, die evtl. zu einem fast kompletten Verlassen des Sees führten. Man kann dort verlassene Gebäude (und viele Wohnwagen), sowie Relikte der sechziger u. siebziger Jahre, die im freien langsam in der Wüstensonne zerfallen.

Dieser Stuhl wurde von jemandem direkt am Seeufer platziert, was für mich der eigentliche künstlerische Akt ist. Ich habe nur das Foto davon gemacht. Für mich ein perfektes Sinnbild des Verfalls und des Vergessen der Salton Sea. Ein stummer Zeuge der einst besseren Zeiten, die schon seit langem in der erbarmungslosen Sonne bleichen und verwittern und dabei die Patina des langsamen Verfalls besitzt.

Erst einmal Glückwunsch zu einem, wie ich meine, fast rundherum gelungenen Foto. Eingereicht hast Du ein Bild, das einen einzigen Stuhl zeigt, ehemals lila gepolstert, jetzt, wie der von Dir gewählte Titel treffend unterstreicht („tattered“ = zerfetzt oder zerfleddert), nur noch ein Schatten seiner selbst. Verfallende Gebäude und Gegenstände bieten willkommene fotografische Motive, und ich finde es auch immer spannend, solche Dinge zu erkunden. Um die Salton Sea bietet sich wohl, wie ich gesehen habe, so einiges an. Weiterlesen

Color Key in Gartenfoto: Frage nach dem Warum?

Wenn Color Key in einem Bild zum Einsatz kommt, fragt man sich unwillkürlich nach dem Grund für diese Bearbeitungsentscheidung.

ISO 320 - 18mm - f/9.0 - 1/80 - (c) Mario Zaunschirm

ISO 320 – 18mm – f/9.0 – 1/80 – (c) Mario Zaunschirm

Unser Leser Mario Zaunschirm hat uns dieses Foto unter dem Titel „Silent Garden“ eingereicht und wünscht sich eine konstruktive Kritik.

Im Sinne voller Offenheit: ich bin kein Freund von Color Key, im Gegenteil. Bis auf SEHR wenige Ausnahmen macht Color Key als Stilelement für mich absolut keinen Sinn. Es ist eine gute Fingerübung für Ebenenmaskierung, und das ist es dann auch.

Das war das erste, was mir bei Deinem Bild einfiel, und deshalb wollte ich es auch erst nicht besprechen. Was mich schließlich doch bewogen hat, war, daß es ein paar Elemente gibt, die Dein Foto trotzdem noch ansprechend machen, auch für mich. Es ist darum das, was der Amerikaner einen „teachable moment“, also einen guten Zeitpunkt nennt, um etwas für den anderen Wichtiges/Interessantes/Wertvolles/(…) rüberzubringen. Weiterlesen