Objektivkauf mit Folgen: Was ich 2008 gelernt habe

Ein Objektivkauf als Beispiel dafür, wie sich mit der vermeintlichen Erfüllung eines Anspruchs ein Dutzend neuer kreativer Ansprüche ergibt. Was die Tiefe und die Faszination des Mediums Fotografie ausmacht.

Die Küchenlampe spiegelt sich im 80-400mm Objektiv.

Seit dem 26. Dezember renne ich in der Gegend rum und mache eine neue fotografische Erfahrung nach der andern. Denn am Tag nach Weihnachten wurde mein neues Objektiv geliefert.

Ein Stück Ausrüstung, und das führt gleich zu einer Erfahrungslawine? Muss ja ein Superwahnsinns-Spezialgerät sein, nicht?

Nicht wirklich.

Es ist ein gemeines Normalobjektiv mit Festbrennweite 30mm (50mm auf meiner Nikon). Eigentlich also das, womit Anfänger fotografieren sollten. Es bietet etwa die Ansicht der Dinge, die wir Menschen haben, keinen Weitwinkel und keine Vergrösserung. Diese Brennweite deckt auch mein 18-200mm Nikkor ab.

Warum also die Aufregung?

Orchidee, fotografiert mit Blende 1.4Nun, natürlich bietet mir das neue Objektiv Möglichkeiten, die ich bislang nicht hatte. Durch seine enorme Lichtstärke (1:1.4) kriege ich bisher unbekannte Schärfentiefen-Effekte und kann weit ins Halbdunkel hinein ohne Blitz operieren.

Vor allem die Schärfentiefe war es, die mich interessiert hat und mich 400 für das 1.4 statt 100 Dollar für ein 1.8-Objektiv ausgeben liess.

Und was habe ich seither an fotografischer Erkenntnis gewonnen? Viel, viel, unendlich viel mehr, als was man mit Schärfentiefe alles machen kann. Ich habe gelernt,

  • dass eine offene Blende die Nacht zum Tag macht;
  • dass der Umgang mit extrem geringer Schärfentiefe geübt werden will;
  • dass Schärfe etwas relatives ist;
  • dass die Normalbrennweite einen Bildtyp schafft, der sich enorm von den gewohnten Tele- und Weitwinkelaufnahmen abhebt;
  • dass die Festbrennweite ein völlig neues Sehen für die Komposition erfordert
  • und vieles mehr.

Dinge, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Dabei wollte ich doch nur endlich auch ein lichtstarkes Objektiv besitzen und extreme Freistellungen realisieren.

Eisenspan an Fenstergitter.Aber statt dass ich ein Häkchen hinter einen bisher unbekannten Aspekt der Fotografie setzen kann, haben sich die Türen zu einem Dutzend ebenso unbekannter, neuer Aspekte geöffnet. Das ist es, was mich restlos begeistert.

Ist das jetzt nicht zu viel des Lobgesangs auf die Technik?

Nein, denn um die Technik geht es gar nicht. Sie ist nur eines von vielen Elementen, welches die Fotografie zu einer weitaus kreativeren Kunstform machen, als man aufgrund des leider verbreiteten, naiven Satzes „Fotografie bildet Realität ab“ glauben könnte.

Nur schon wenn ich Bilanz ziehe, was ich im Jahr 2008 dazu gelernt habe, fallen mir ein halbes Dutzend Dinge ein, die mit der Technik nur am Rande zu tun haben, mich künstlerisch aber deutlich weitergebracht haben.

Die Erkenntnis,

  • dass der Ausschnitt kein Tabu ist, sondern ein Gestaltungselement in der Nachbearbeitung;
  • dass Klischees nicht langweilig sind, sondern eine Herausforderung;
  • dass die besten Motive häufig vor meinen Füssen und nicht im grossen Ganzen liegen;
  • dass die Regeln und Vorgaben der Technik bisweilen ganz bewusst gebrochen werden wollen und
  • dass Retusche und Bildbearbeitung kein Sakrileg, sondern Bestandteil des kreativen Prozesses sind.

Touristan am Vulkan in HawaiiDie Werkzeuge in diesem Prozess sind nicht nur Kamera und Objektiv, sondern das eigene Sehen, der Mut zum Ungewohnten, die Erfahrung aus Fehlern, das ungehemmte Abkupfern der Erkenntnisse anderer Fotografen, der zusätzliche Aufwand für das bessere Bild, die persönliche Organisation und und und.

In der Fotografie dreht sich alles nur um Blende und Verschlusszeit

heisst ein alter Merksatz. Daran ist nichts falsch und alles. Wenn es damit getan wäre, die Wirkung der Blende und der Verschlusszeit und das Verhältnis der beiden zueinander zu verstehen, wären wir alle binnen dreier Tage Meisterfotografen – und Fotografie als Hobby, Kunst oder Beruf wäre so spannend wie ein Fliessbandjob.

Lavafluss auf HawaiiDie Vielseitigkeit der Fotografie ist es, was sie buchstäblich unendlich spannend macht. Die Vielzahl der Einflüsse auf ein einziges Bild – von der Technik über die Motivation bis hin zum guten Schuhwerk, das einen den letzten Bach zwischen dem Wanderweg und dem absolut perfekten Standort für die Landschaftsaufnahme des Jahres überwinden lässt – sind Teil der Faszination.

Seit rund anderthalb Jahren versuchen wir hier auf fokussiert.com die grundlegendsten Elemente, das Generelle und das Individuelle, zu erläutern, zu diskutieren und zu ergründen.

Wenn wir Ausrüstung vorstellen und Objektive oder Kameras testen, sind wir weit von der Labor-Exaktheit der Fachmagazine entfernt. Wir sind subjektiv, mal banal und mal elitär. Bisweilen unterlaufen uns Schnitzer, manchmal machen wir Fehler. Wir bemühen uns, daraus zu lernen, und wir zählen auf eine Leserschaft, die insgesamt mehr weiss als wir und freuen uns über Hilfe, Einwände und jede engagierte Diskussion.

Die Grundidee dieses Blogs ist die eines Seminars zur anspruchsvollen Fotografie; die Treibkraft ist die Begeisterung der Autoren und der Leserschaft über diese Reise ins Unendliche der fotografischen Möglichkeiten. Deswegen versuchen wir, keinen der kreativen Teilaspekte auszulassen; zugleich aber wollen wir vermeiden, einsilbig zu werden und die Vielfalt aus den Augen zu verlieren. Ich glaube, das ist uns 2008 gelungen.

Ein neues Objektiv kann mir eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten verleihen, und wir werden versuchen, auch diejenigen zu beschreiben, die nicht aus den technischen Daten hervorgehen. Das gleiche gilt aber auch für die Feststellung, dass die menschliche Augenhöhe nur eine von vielen möglichen Perspektiven ist.

Wir wünschen allen Begleiterinnen und Begleitern unserer Reise in die Fotografie ein erfolg- und lehrreiches neues Jahr.

Wir bedanken uns für die Treue, die vielen unseren Kritikern anvertrauten Bilder, die Kommentare und Reklamationen. Und wie freuen uns, wenn Ihr Eure Fortschritte und Entdeckungen weiterhin mit uns teilt.

13 Kommentare
  1. debe
    debe sagte:

    sehr schön. seit gut einem jahr habe ich eine dslr und ungefähr so lange lese ich den fokussiert blog regelmäßig. für mich als anfänger ist es wirklich sehr interessant und lehrreich. UND ich habe mir zu weihnachten auch ein normalobjektiv mit 1.8 blende gekauft und dafür den blitz gespart…

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  2. Timo
    Timo sagte:

    Hallo,
    ich bin begeistert von dieser Seite. Ich habe sie gerade erst (vor 3std =)) durch einen Zufall gefunden.
    Besonders dieser Artikel hat es mir angetan und ich hoffe in der nächsten Zeit noch weitere tolle Artikel hier zu lesen.

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  3. Bernhard Bischof
    Bernhard Bischof sagte:

    Diesen Beitrag habe ich mit Genuss gelesen. Nachdem ich seit einem knappen Jahr eine DSLR mit zwei Zoom-Objektiven besitze, bin ich nun erst recht so richtig neugierig auf eines mit Festbrennweite. Eine Kollegin hat mir letztes Jahr diesen Link zu euch zugestellt. Seither habe ich schon etliche lehrreiche Kommentare zu Bildern gelesen. Vermutlich lasse ich mich demnächst dazu hinreissen und werde Fotos zur Verfügung stellen in der Hoffnung, eine aufbauende Kritik zu erhalten.
    Vielen Dank.

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  4. Peter Sennhauser
    Peter Sennhauser sagte:

    Christoph – UV-Filter gehören grundsätzlich vor die Linse – weniger, weil sie angeblich den Dunst durchdringen, als weil sie das Objektiv schützen ;-) Ich habe mir grade etwas teurere B&W UV Filter gegönnt. Die von Dir vorgeschlagenen Finde ich dann doch zu billig – da stimmt sicher irgendwas nicht…

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  5. christoph
    christoph sagte:

    Danke für die Anregungen! Das mit den Geld-für-Ablichten-Leuten weiß ich, mir gehts aber weniger um die großen Touristenplätze als um kleinere Dörfer. Was genau dann vor die Linse kommt wird sich aber sowieso erst dort zeigen :-)

    Zum Regen noch. Hab jetzt die beiden Regen-Beiträge (gibts mehr?) gelesen, werde mit Plastiksack-Selbstbaulösung ein wenig experimentieren. Bleibt noch die äußerste Linse vom Objektiv. Wenn dort oft Tropfen draufkommen, tut das der Linse ja nicht unbedingt gut wenn ich sie allzuoft putze. Was haltet ihr davon, bei Regenwetter (zusätzlich zur Plastikhülle) irgendeinen günstigen Filter draufzuschrauben? Klar, weniger Licht, schlechtere Bilder – aber immerhin überhaupt Bilder, wen die Kamera sonst in der Tasche bleibt…
    Welcher Filter würd (bei Regen) am wenigsten stören? UV? was ist zB von diesem billigen hier zu halten?
    link

    PS: am liebsten wär mit natürlich, ich könnt mir für Schlechtwetter noch eine dieser wetterfesten Olympus Kompakten kaufen, aber wie gesagt, budgetär leider nicht drin.

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  6. Wolf-Dieter Roth
    Wolf-Dieter Roth sagte:

    @Christoph:

    Für meine Reise nach Papua-Neuguinea habe ich mich 2003 kurzfristig zu einer neuen Kamera entschlossen, da die Reise teuer genug war, und dann eine Woche vor der Reise eine 6 Monate alte Minolta 7Hi zum halben Neupreis auf Ebay geschossen. Netterweise mit kompletter Ausrüstung (Kartenleser, Karten, Tasche). Und auch schnell genug zugeschickt bekommen.

    Das hatte natürlich Folgen: Die Lernkurve trat erst vor Ort ein. Die Macken der 7Hi (z.B. gnadenlos auch unscharf auszulösen, außer per Fernauslöser) machten mir Kummer, im übrigen bis zuletzt, da man auf dem kleinen Monitor das nicht erkennen konnte. 2003 war die 7Hi aber „Stand der Technik“.

    Ich würde mal sagen, so wie ich sollte man es nicht machen, aber ein Monat vorher reicht, wenn Du dann auch schon zuhause fotografierst.

    Für „nasse Fotos“ (Tropenwolkenbruch und Schlauchbootfahrt) ließ ich die Minolta in der Tasche und nutzte meine wetterfeste Olympus AF1 Twin mit Diafilm. Das war dann auch das letzte Mal, daß ich eine Kamera mit Film benutzt habe.

    ich würde jetzt mal sagen, Du solltest Dir überlegen, ob Du überhaupt eine wertvolle Kamera nach Indien mitnehmen willst. Niesel wird sie wohl überstehen, ansonsten wasserfest verpacken, siehe auch unsere Tipps hier im Blog zu Fotos bei Regenwetter. Und: Niesel macht sich auf der Linse auch dann nicht gut, wenn sie wasserfest ist ;-)

    Außerdem ist in Indien zu beachten, daß manche Leute z.B. auf Flohmärkten sofort Geld wollen, wenn Du fotografierst, auch wenn die 3 Reihen weiter hinten sind und Du sie gar nicht fotografieren wolltest (denn ich mag gestellte Fotos gar nicht, die wollten ihre Schlangen präsentieren..). Das kann nervig sein. In Ägypten war auch so jemand an einem Monument und kapierte gar nicht, daß ich ihm höchstens Geld gegeben hätte, damit er weggeht…aber dann hätten sich sofort 20 Touris ebenso davorgestellt…

    Antworten
  7. christoph
    christoph sagte:

    Hallo allerseits. Erstmal ein großes Lob an dich Peter für das tolle Blog. Insbesondere die Bildkritiken verfolge ich schon seit längerem mit großem Interesse. leider nur theoretisch, da ich mir erst im laufe dieses jahres eine DSLR zulegen werd (es wird wohl eine EOS 1000D). Und zwar für einen Trip in Indien, aus dem ich natürlich möglichst schöne Fotos mitnehmen will :-)
    Und genau dazu hätt ich noch ein paar Fragen:

    1. Ich möchte dort nicht nur Landschaft/Objekte fotografieren, sondern vor allem auch Menschen (mit Einverständnis versteht sich). Für Portrait-Fotografie lese ich jetzt schon mehrmals, dass ein 50mm an einer kleinen DSLR mit der effektiven Brennweite von ca 80mm ideal ist. Passt das auch, wenn mal mehr als das Gesicht, also der ganze Mensch, aufs Foto soll? Werde ich mit (dem einzig für mich derzeit leistbaren) EF 50mm 1.8 II Freude haben? Oder soll ich lieber mal darauf verzichten, und erst später irgendwann ein lichtstärkeres 1.4 kaufen? Der Satz „Vor allem die Schärfentiefe war es, die mich interessiert hat und mich 400 für das 1.4 statt 100 Dollar für ein 1.8-Objektiv ausgeben liess.“ lässt mich zweifeln, ob ich mit einem 1.8 einen ähnlichen Freiraum habe im Vergleich zum Kit-Objektiv (das wohl fürs Erste für alles Andere herhalten muss).

    2. Der Trip wird im Juli und August sein (ja, leider teilw. Monsunzeit). Zwecks hoffentlich stetigem Preisverfall möchte ich mir die Kamera im Mai kaufen, damit ich vorher noch ein wenig Zeit zum üben habe und mich in Indien auf mehr als nur das Fotografieren konzentrieren kann – die Fotos sind schließlich nicht das alleinige Ziel der Reise :-)
    Sollte diese Zeit als Vorbereitung reichen? Oder ist das völlig fehleingeschätzt und ich sollte lieber gestern als morgen zum Händler der Wahl laufen?

    3. Wie schon erwähnt, es wird teilweise Monsunzeit sein. Was gibt es da zu beachten? Für eine wetterfestes Kamera reicht das Budget nicht :-(
    Kann ich auch mir einer 1000D fotografieren, wenns ein bisschen nieselt, bzw. unter einem Unterschlupf, wenns hie und da nass reinspritzt? (ich weiß noch nicht was mich dort erwartet). Oder sollte die teure Anschaffung dann doch lieber in der Tasche bleiben?

    4. Eine der wenigen finanziell möglichen Alternativen wäre eine 450D. Ich glaube aber mit einer 1000D plus dem genannten EF 50mm 1.8 II werd ich glücklicher, oder?

    So, viele Fragen, ich weiß. Ich hoff trotzdem dass ein paar Tipps/Anregungen kommen :-)

    Grüße
    Christoph

    Antworten
  8. Peter Sennhauser
    Peter Sennhauser sagte:

    Danke allen für den Dank für den Dank ;-)
    @David: Ja, ich hab mir das Sigma gekauft, nachdem ich kurz mit dem preiswerten Nikon 1.8 geflirtet habe. Der Testbericht folgt. Ich nutze es auf einer D300.

    Antworten
  9. David
    David sagte:

    Ein toller Artikel, danke!

    Ganz ähnlich ist es mir diesen Sommer mit einer 90mm Festbrennweite ergangen, die mit f2.8 auch eher lichtstark ist, zumindest im Vergleich zu meinem Zoom.

    Die These, dass (auch radikaler) Beschnitt zum kreativen Prozess gehört spricht mir aus der Seele. Nur scheint sie mir bei vielen „Profis“, die Bücher zur Bildgestaltung geschrieben haben, nicht sehr populär zu sein, im Gegenteil. Dementsprechend hab ich mich gefreut, sie hier zu lesen!

    Schließlich wollte ich noch fragen, welches 30mm/1.4er Objektiv Du angeschafft hast. Ich vermute mal das Sigma? Gerade wegen der Lichtstärke überlege ich seit längerem das 30er oder 50er f1.4 von Sigma zu kaufen, zumal ich mir keinen Vollformatsensor gegönnt habe. An welcher Nikon betreibst Du es?

    Antworten
  10. Martin Wold
    Martin Wold sagte:

    Schöner Artikel!
    Danke für ein tolles Jahr 2008, wobei ich fokussiert.com erst zum Ende des Jahres entdeckt habe.
    Ich freue mich auf ein tolle 2009! :) Macht weiter so!

    Antworten

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