Brückenbogen: Schwungvoll in die falsche Richtung

Gestalterische Mittel richtig eingesetzt erzeugen Emotionen beim Betrachter, die gewollt sein sollten.

[textad]Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Markus Kohlhoff).

Kommentar des Fotografen:

Analoge Aufnahme. Negativ via Diakopiervorsatz digitalisiert, etwas Himmel abgeschnitten, Schatten angehoben und Kontrast verstärkt. Der Schwung der Brücke weist in den trostlosen Asphalt-Dschungel.

Profi Thomas Rathay meint zum Bild von Markus Kohlhoff:

Da das Foto in der Architektursparte platziert ist, könnte ich als Architekturfotograf alter Schule sofort bemängeln, dass alles schief ist und stürzende Linien aufweist.

Mach ich aber nicht. Auch den Beschnitt von Markus finde ich gelungen, genau wie die anderen leichten Korrekturen: Architekturfotografie muss meines Erachtens nicht immer ein korrektes Abbild der strengen Formen sein. Etwas Dynamik hat noch keinem Bild geschadet, welches nicht nur Dokumentationszwecken dienen soll.

Trotzdem würde ich diese Fotografie nicht unbedingt auf die Architekturschiene begrenzen. Markus möchte uns doch etwas vermitteln, das kommt in seinem Text zum Bild schon deutlich zum Tragen.

Wenn uns der trostlose Asphaltdschungel gezeigt werden soll, kann das Bild ruhig eine negative Aussage bekommen. Die kontrastreiche Umsetzung in dem schwarzweißen Bild trägt auf jeden Fall dazu bei.

Die Linienführung auch, wobei ich diese eben doch bemängeln muss: Für unser Auge ist dieser Bildaufbau etwas unglücklich. Wir erkennen die abfallenden Linien und von links oben nach rechts unten als Negativ, da wir als Mitteleuropäer unsere Sichtweise der Bildbetrachtung der Leserichtung angepasst haben.

Absturz nach rechts - dem europäischen Auge angepasst.

Wenn wir Markus Bild nun spiegeln, zieht uns der Bogen der Brücke, der gerade Streifen des Brückensockels und der gestrichelten Mittelstreifen nach unten. Hin zu dem dunklen Punkt am Ende der Straße. Hier werden wir auch noch von dem sehr geraden Brückengeländer auf der (nun) rechten Seite gestoppt und fallen sozusagen in das schwarze Loch des Asphaltdschungels – in den Moloch der großen Stadt. Ich glaube, dieses Gefühl will uns Markus mit seiner Fotografie vermitteln.

Nebenbei freut es mich zu sehen, dass es noch oder wieder Leute gibt, die analog fotografieren!

Das Bild lässt mich noch an eine Spielart der Schwarzweißfotografie denken: die Cyanotypie.

Deswegen habe ich dem Bild noch einen Hauch Cyan zugegeben, einfach, um euch mal darauf zu bringen, was es alles gab und woher manche Effekte in der heutigen digitalen Bearbeitung rühren.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare
  1. Thomas Rathay
    Thomas Rathay sagte:

    Hej Markus, freut mich zu hören. Ja du hast Recht, ich wollte nur die analoge alte Technik zeigen und das Grau untestreicht den Betoncharakter sehr gut! Wobei mir das Kühle für solche Stadtansichten auch oft gefällt.

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  2. Markus Kohlhoff
    Markus Kohlhoff sagte:

    Vielen Dank für die lehrreiche Kritik, Thomas! Du hast meiner Ansicht nach den Nagel auf den Kopf getroffen bzgl. Intention und Verbesserung. Jedoch verstehe ich nicht, wie du auf die Cyanotypie gekommen bist? Nur als Beispiel analoger Technik? Ich finde, in s/w (grau) wird eher noch der „Beton“-Charakter unterstrichen.
    @Endres, Thomas: ich bin erst vor zwei Jahren digital eingestiegen. Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten genieße ich aber auch die Technik ohne Display und versuche mich auch gerade erstmals in der Selbstentwicklung der Filme – ist eindeutig spannender, als einen Chip in den Kartenleser zu stecken. :-)

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  3. Thomas Rathay
    Thomas Rathay sagte:

    @ Peter, danke für das kollegiale Lob und schön, dass ich dich überzeugen konnte :-)

    @Endres: Ich belichte als Hobby auch noch analoges Material, meist Mittelformat oder Planfilm und merke dass es ein viel intensiveres Fotografieren als das digitale ist. Ich muss mich mehr mit dem technischen und dem gestalterischen beschäften, da im Nachhinein sonst ein viel zu großer Aufwand betrieben werden UND jeder Film hat schon noch immer seinen eigenen look und Charme… finde ich.

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  4. Endres
    Endres sagte:

    „…noch oder wieder Leute gibt die analog fotografieren…“
    Ja Thomas, ich habe mir kürzlich eine niegelnagelneue F100 zum Spottpreis geangelt und mache wieder Dias. Und ich habe von einigen gehört die wieder damit angefangen haben.
    War offensichtlich doch nicht alles schlecht…

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  5. lichtbildwerkerin
    lichtbildwerkerin sagte:

    Hi, es ist überaus erstaunlich, wie die Spiegelung des Fotos die Wirkung verändert. Tatsächlich empfinde ich es auf dem Originalfoto so, dass mein Blick gegen den Rundbogen „prallt“ und auf der gespiegelten Version wird mein Blick in die Stadt gelenkt. Interessante Erfahrung.

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    • Peter Sennhauser
      Peter Sennhauser sagte:

      Ich war, ehrlich gesagt, auch total erstaunt, was die Spiegelung ausmacht. Ich hielt die Links-Nach-Rechts-Theorie bisher für überbewertet.

      Jetzt nicht mehr.

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