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Peter Sennhauser

Fassadensuchbild: Ein Fall für HDR

8. September 2016/1 Kommentar/in Bildkritik, Street/Strasse/von Peter Sennhauser

„Wimmelbilder“, Fotografien mit reichem Gehalt, sollten dem Betrachter so viel davon wie möglich optisch erschliessen. Hier wäre eine Aufhellung des Innenraums der Apotheke wünschbar.

Farmacia Ruiz Lopez in Cordoba

Farmacia Ruiz Lopez in Cordoba © Frank Braad Nikon D80 , 1/125s bei Blende f/5.6 mit 38mm Brennweite und ISO 160

Farmacia Ruiz LopezFrank Braad aus Aalten (Niederlande) schreibt zu diesem Bild: Die geometrischen Formen dieserApothekenfassade bekommen durch die beobachtende Figur einen zusätzlichen Akzent

 

Ich mag Fotografien, die Geschichten erzählen. Und seien sie noch so kurz.

In dieser Farbfotografie sehen wir einen Teil der Fassade eines Gebäudes mit einem Wandmosaik/Gemälde, einer offen stehenden Türe und einer Person rechts neben der Türe, die vor einem Informationskasten an der Hauswand steht, aber den Kopf leicht nach links gedreht hat und in den Raum hineinschaut.  Das Wandgemälde und die Verzierung über der Türe, wie auch die Beschriftung des Informationskastens zeigen, dass es sich um eine Botica, eine Apotheke, handelt; das Wandgemälde lässt noch dazu starke maurische Einflüsse erkennen.

Was die Fototechnik betrifft, ist an dem Bild zunächst alles in Ordnung, obschon das sehr dunkle Innere hinter der offenen Türe irritiert – ich komme darauf zurück. Das Bild scheint zur besten Zeit am frühen Abend nach Sonnenuntergang aufgenommen worden zu sein, es fehlen harsche Schatten und Kontraste. 

Die Blickführung ist eindeutig: Zumindest in westlicher Kultur aufgewachsene Menschen werden sich zuerst mit dem Wandbild links beschäftigen, dann nach rechts über die beiden weiteren Schriftzüge über der Türe und im Infokasten nach Anhaltspunkten suchen, und erst dann  dem Blick der Person vor der Türe folgen – ins innere des Raums.

Genau hier gerate ich ins Stocken:  Du hast die Türe leicht nach rechts versetzt ins Zentrum der Fotografie genommen, Sie also sehr wichtig gemacht im Motiv. Dazu sehe ich aber zu wenig, was im Raum vor geht. Und jetzt erst erkenne ich, dass gar nicht die Türe ins Bild komponiert, sondern das  Wandbild in die linke obere Ecke des Bildausschnitts eingepasst worden ist: Das wirft Fragen auf.

farmaciaruizblickfuehrung

Die  Blickführung folgt in einem Trichter von gross nach klein von links nach rechts – das funktioniert ganz gut. Allerdings werde ich, nachdem ich mich von den reinen Flächen im Bild habe leiten lassen, beim Anschauen in die Details gehen, und dabei will ich relativ schnell wissen, was sich hinter der offenen Türe im Raum noch verbirgt. Was ist das für eine Apotheke? Wieso sieht der Eingang mehr wie ein Kiosk aus? Jetzt aber behindert mich der geringe Ausleuchtungsgrad des Innenraums.

Neben dieser technischen Hürde stört mich an der Komposition just das Einpassen in das linke obere Eck des Bildausschnitts.

Ich habe deshalb zu diesem Bild, das mir sehr gefällt und mich lange beschäftigt, zwei Vorschläge.

Erstens hätte ich hier versucht, eine HDR-Aufnahme mit zwei Belichtungsebenen zu machen, eine für die Aussenwelt und eine für den Innenraum der Apotheke. Ich bin kein Freund der übermässigen Anwendung von High Dynamic Range (HDR), und es wird meiner Ansicht nach vor allem häufig am völlig falschen Objekt eingesetzt. Hier aber wäre eine moderate Angleichung der Kontraste innen und aussen sinnvoll. Diese beiden Bilder hätte ich in Photoshop gemerged. Eine einfachere, allerdings nicht sehr starke Variante ist der Einsatz von Active-D-Lighting bei Nikon, einer Art internem Ausgleich von zu grossen Kontrasten (wirkt aber nur auf JPG, nicht auf RAW), oder das nachträgliche D-Lighting, ebenfalls in der Kamera auf Bilder anwendbar. Neuere Kompaktkameras haben teilweise schon eine eingebaute HDR-funktion. Meine kleine Sony RX-100 3 beispielsweise schiesst im HDR-Modus drei Bilder mit verschiedenen Belichtungsdaten und rechnet sie ineinander. Das klappt nicht immer gleich gut, aber es bringt schon ganz respektable Resultate.

Etwas übertrieben aufgehellter Innenraum der Apotheke. Mit echtem HDR statt NAchbelichten in Lightroom ginge das besser.

Etwas übertrieben aufgehellter Innenraum der Apotheke. Mit echtem HDR statt NAchbelichten in Lightroom ginge das besser.

Mein zweiter Tipp wäre, die Komposition nicht an den Rändern des Bildausschnitts anzulehnen. Natürlich macht es Sinn, Linien in der Architektur für die Ausrichtung der Kamera zu nutzen und Verkippungen zu vermeiden. Sie sollten aber in der endgültigen Komposition nicht aufdringlich entlang den Ausschnittsrändern verlaufen und vor allem nicht dermassen geometrisch ums Eck wie hier oben links – das wirkt nicht natürlich, und es es entsteht ein Gefühl der Einengung, wie in einem Setzkasten.

Schlagworte: Blickführung, HDR, Kontrast, Schatten
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https://static.fokussiert.com/20160908090539/Farmaciaruiz.jpg 2290 3080 Peter Sennhauser https://static.fokussiert.com/20151121174132/fokussiert-logo-schriftzug-klein-fok-300x62.png Peter Sennhauser2016-09-08 09:59:292016-09-08 12:29:48Fassadensuchbild: Ein Fall für HDR
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1 Kommentar
  1. Frank Braad
    Frank Braad sagte:
    13. September 2016 um 12:51

    Es freut mich sehr, dass schon bei meiner ersten Anlieferung ein Foto für eine Besprechung und deinen Kommentar ausgewählt wurde – vielen Dank dafür. Gerne gebe ich auch meine Vision preis, nicht als Besserwisser – im grossen Ganzen bin ich mit deinen Bemerkungen einverstanden – nur um Dir meine Ideen und Motive zu veranschaulichen.

    Dass die Anordnung links oben mit dem schmalen Rand problematisch ist, war mir schon von Anfang an klar. Trotzdem habe ich den Crop so gemacht, weil die beiden anderen Möglichkeiten mir viel weniger gefielen:
    ein grösserer Ausschitt würde die hässliche Stütze des Aushängeschilds mit einem Teil des grünen Apothekenkreuzes zeigen, sowie die störenden Elektrokabel rechts oben, wie Du im Original sehen kannst, oder ich müsste
    einen extra Streifen klonen, um das linke Rechteck vom Rand zu lösen – das ging mir aber gegen meine Prinzipien. Also die in meinen Augen am wenigsten schlechte Lösung angepasst.

    Das Bild, übrigens aus dem Jahr 2012, hat mich so gereizt, weil ich hier keine Tiefe und kein Perspektive zeige, sondern nur die Fläche mit den Rechtecken in einer gewissen Formation, wobei die Abbildungen selber auch wieder aus Quadraten bestehen. Die harmonierende Farben von Fassade, Bildern und Figur waren hier wichtig, ich war eigentlich nicht interessiert am Apothekeninterieur. Dein Blick ging aber sofort dahin, so sieht man, wie Interpretationen sich unterscheiden können. Durch die Aufhellung des Interieurs wird auch das Farbengamma anders: Das dunkle Rot fällt etwas daneben. Aber: Geschmackssache.
    Für mich hat das Bild zwei Ebenen: die rein ästethische von Geometrie und Farbe, keiner Tiefe, keiner Ablenkung, dem Eindruck bei einer ersten Betrachtung. Es gibt aber auch eine zweite, tiefere Ebene, und dabei verweist „Cordoba“ auf den maurischen Ursprung der Stadt und ihrer Kultur. Die Fliesen mit abstrakten Motiven aus der maurischen Kultur, aber mit Abbildungen von Figuren (deutlich aus der maurischen Zeit), die bei den Mauren verboten waren, zeigen die Verschmelzung der beiden Zivilisationen. Das ist auch eine Geschichte in diesem Foto.

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