Top Leserfoto:
Ein bißchen Zerstörung …

Ein interessantes Konzept verdient auch eine entsprechende Umsetzung, wie wir anhand der heutigen Bildvorstellung diskutieren wollen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (9 Bilder)

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Malte Renken aus Hamburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Alles zerstört…?” in der Kategorie ‘Konzept’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo ihr lieben! Kurz zu mir: Ich bin Malte, 24 Jahre alt und fotografiere seit ca 3 Jahren, wobei ich im letzten Jahr erheblich dazu gelernt habe durch Fachlektüre und Gesprächen mit anderen Fotografen. Meine Bilder sind meist nicht perfekt und im Prinzip habe ich auch bei weitem nicht das Know-How, wie ich es gerne hätte, aber ich denke sie können sich sehen lassen ;) Ich habe dieses Foto zusammen mit meinem Bruder geknippst, in einer verlassenen Jugendherberge! Ziel war es, den Moment nach einem ‘Ausraster’ darzustellen. Daher die lässige Pose mit dem Golfschläger und dem Blick aus der geöffneten Tür. Fotografiert wurde mit einer EOS 1100D und dem Canon EF 16-35mm f/2.8L II USM. Habe für die Szene ein Stativ benutzt und mit 1/2 Sekunde belichtet bei f4 und ISO 400. Brennweite betrug 16mm! Bei der Nachbearbeitung habe ich versucht meinen Bruder dunkel erscheinen zu lassen. Ansonsten habe ich nur ein wenig die Sättigung angehoben, das wars :) Habe schon von diversen Leuten Kritik bekommen, das z.B. der Auschnitt ein wenig anders gewählt werden soll, da links und rechts noch Fenster zu sehen sind, aber ansonsten gabs von deren Seite nichts zu bemängeln. Deswegen würde ich mich gerne mal eure Meinung zu dem Bild interessieren! Lieben Gruß Malte”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Malte bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von knapp 26 mm bei einem Formatfaktor von 1,6.

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Ausführliche Erläuterungen bei der Bildeinreichung schätze ich sehr – auch Fragen und Zweifel wären hierbei willkommen und könnten bei der Besprechung berücksichtigt werden … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Eine kontrastreich-düstere ‘Türstockszene mit Person’ im 2:3-Hochformat empfängt den Betrachter.

Als Blickfang und Motivzentrum fungiert ein junger Mann in Rückenansicht, im Schwerpunkt etwa in den Goldenen Schnitt von links oben gelegt, dabei seltsam geneigt und mit Jacke sowie Kapuze versehen, welche Teile des Kopfes verdeckt und somit auf den ersten Blick an ‘Quasimodos Buckel‘ denken läßt (durchgezogene rote Linien ebd.). Auf den zweiten Blick wird ein Golfschläger erkennbar, den der junge Mann in der rechten Hand hält und auf den er sich zu stützen scheint (punktierte rote Linien ebd.).

Ein Kaskade von Senkrechten und Waagrechten im Mittel- (durchgezogene orange Linien ebd.) und Hintergrund (punktierte orange Linien ebd.) rahmt die Hauptperson ein. Es handelt sich um Türstöcke, Schwellen und Fachungen, die in ihrer Ausrichtung an den Bildrändern einerseits einen Kontrapunkt zur geneigten Person darstellen, andererseits dem Bild einen sehr statischen Eindruck geben.

Der Boden um den jungen Mann herum zeigt sich von Fragmenten bedeckt – Kabel, Scherben und kleinere Holzstücke, soweit erkennbar (gelbe Linien ebd.).

Im oberen Teil der seitlichen Bildränder irritieren zwei knapp angeschnittene Lichtquellen (türkisfarbene Blitze ebd.). Dunkle Leere im Sinne eines weitläufigen ‘Negativraums’ erstreckt sich schließlich im vorderen Boden- und insbesondere im Deckenbereich (grüne Blitze ebd.).

Die Posterisation verdichtet das Bild auf die wesentlichen Elemente. Eine kurzläufige, einmal um die Hauptperson herumführende und keinen rechten Abschluß findende Blickführung wird darin erkennbar (violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich extrem zweigipflig mit U-Form bei einem Median von gut 45. Die Mitten sind kaum belegt, dafür finden sich weitläufige Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich, der Zone 0 bzw. X ohne jede Detailzeichnung und Tonwertmodulation entsprechend.

Einzig Mauerwerk und Fachungen als motivisch nachrangige Elemente zeigen etwas Struktur in den Zonen I bis II bzw. II bis IV.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

„Alles zerstört … nach einem ‘Ausraster’ … lässige Pose” – ich lese wohl die Beschreibung, suche aber deren Entsprechung im Bild vergebens.

Stattdessen sehe ich eine statisch ausgerichtete, wohlgeordnete und fast brav wirkende Architekturbrache. Spannungsvolle Abgründe oder bildliche Dramatik finde ich hier nicht visualisiert. Auch das Posing der Hauptperson erscheint mir eher bemüht, keinesfalls jedoch entgrenzt, erschöpft oder gar ‘genüßlich der vorherigen Raserei nachspürend’, wie es im vorgetragenen Bildkonzept anklang.

Auch die formale Umsetzung vermag mich nicht zu überzeugen, wie ich im Sinne der störenden Nebenlichtquellen, des nicht gemeisterten Szenenkontrasts und der ‘Blickführung im kurzen Kreise’ oben schon ausgeführt habe.

Was könnte man aus dieser Szene noch herausholen?

Ein Beispiel zeigt die untenstehende ‘Überarbeitung 1′. Hier orientiert sich die Vertikale an der geneigten Person, wodurch der Raum verkippt und der konventionellen Betrachtung ‘entrückt’ wird.

Ein Beschnitt eliminiert die störenden Nebenlichtquellen, eine forcierte Tonwertnormalisierung mit dem Instrument ‘Tiefen/Lichter’ bringt im Vorder- und Mittelgrund mehr offene Schatten und dunkle Mitten zur Geltung und vermag im Hintergrund einen Teil der ausgebrannten Lichter ‘einzufangen’.

Die Blickführung erscheint nun eingängiger im Sinne einer von der Person zu den Bodensplittern hin abfallenden Diagonale – hier endet der Blick beim ‘Werk’ (violetter Pfeil ebd.).

Eine ‘Überarbeitung 2′ bietet sich im Sinne einer horizontalen Spiegelung noch an – hier wandelt sich die Blickführung zu einer aufsteigenden Diagonale und fokussiert auf die Person.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Posterisation zur Verdeutlichung der Blickführung

Komposition: Posterisation zur Verdeutlichung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Lichterbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Überarbeitung 1: Verkippung, Beschnitt, Tonwertnormalisierung und Blickführungsänderung

Überarbeitung 1: Verkippung, Beschnitt, Tonwertnormalisierung und Blickführungsänderung

Überarbeitung 1: Endergebnis

Überarbeitung 1: Endergebnis

Überarbeitung 2: Wie oben, zusätzlich horizontale Spiegelung

Überarbeitung 2: Wie oben, zusätzlich horizontale Spiegelung

Überarbeitung 2: Endergebnis

Überarbeitung 2: Endergebnis

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung

 

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In der Rubrik ‘Bildkritik’ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Leserfoto:
Ein Bild der Unmittelbarkeit

Eine archaische Aufnahme fernab vom konventionellen ‘Rosarotgefühl und Kindchenschema’ möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (6 Bilder)

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Jörg Fietkau aus dem nordbadischen Niefern-Öschelbronn hat uns das obige Bild unter dem Titel „new life” in der Kategorie ‘Schnappschuss’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ich habe das Bild direkt (bei) nach der Geburt meiner dritten Tochter aufgenommen. Es war mehr oder weniger Spontan, deshalb auch ein Schnappschuss. Ich finde das es sehr viele Babybilder gibt, solche denke ich aber doch eher selten sind. Ich habe auch sehr lange überlegt ob ich das Bild veröffentlichen soll, Ich habe es jetzt doch einmal gewagt. Aufgrund meiner perönlichen emotionalen Bindung zu diesem Bild finde ich es Weltklasse. Nun sollt Ihr mir sagen ist es wirklich gut, oder sollte ich mir ein anders Hobby suchen, bzw. kann man sich so ein Bild auch aufhängen.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 1000D mit Zoomobjektiv 18 bis 200 mm (Canon, Tamron, Sigma?) verwendet. Die Brennweite betrug 72 mm (entsprechend gut 115 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/60 Sekunde bei Blende f/5,6 und ISO 400, der Blitz wurde ausgelöst.

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Es rührt mich wohl, wenn Jörg mir solche Wegweisung hinsichtlich ‘Bild aufhängen oder anderes Hobby suchen’ zubilligt, doch erschiene mir ein solcher ‘Richtspruch aus der Ferne’ auch problematisch. Vielleicht wäre schon geholfen, wenn ich etwas zur Beschreibung und zum Verständnis des Bildes beitragen könnte.

Betrachten wir in diesem Sinn zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Wir sehen ein Querformat im heute üblichen 3:2. Die Szene ist ebenso übersichtlich wie archaisch – ein Neugeborenes, noch deutlich von der Geburt gezeichnet und ganz in seiner eigenen Welt; zugleich sicher gehalten, auch emporgehoben und vorgezeigt von zwei Händen, die etwas von rechts ins Bild hineinreichen. Wir Betrachter scheinen so der haltenden Person über die linke Schulter zu blicken.

Die Aufzählung der wichtigen Bildelemente soll beim Gesicht des Neugeborenen beginnen. Es wirkt doch etwas angestrengt von den Mühen der Geburt, noch etwas ‘verhutzelt’ gar (rote Linien ebd.). Seine Arme setzen des weiteren starke Signale – der rechte steht in die Luft, weiß vielleicht gar nicht, wo er hin will; der links ist zum Gesicht gebogen, und den Daumen dürfen wir wohl im Munde vermuten – der Saugreflex wird getriggert (orange Linien ebd.).

Ergänzend und abschließend treten schließlich noch die haltenden Hände von rechts unten hinzu – auch dies eine starke Geste, schützend und wertschätzend zugleich (gelbe Linien ebd.).

Die Blickführung ist übersichtlich – vom Betrachterstandpunkt haben wir das Neugeborene unmittelbar gegenüber, der Blick geht also quasi in das Bild hinein (violetter Pfeil ebd.).

Auch die Problembereiche des Bildes sollen nicht unter den Tisch fallen. Der motivnahe Blitz setzt unschöne Glanzlichter auf Stirn und Wangen (1 ebd.), im Gegenzug tiefe und abgezirkelte Schatten besonders unter dem linken Arm (2 ebd.) und reines Schwarz im Hintergrund. Die rechte Hand ist leider etwas abgeschnitten, wo eine vollständige Darstellung von Vorteil gewesen wäre (3 ebd.). Die Schriftzeichen des rechten Handschuhs und vermutlich angeschnittene linke Bein bieten schließlich noch einiges Ablehnungspotential vom bildwichtigen Geschehen (4 ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt einen Median von etwa 70, recht gut belegte Mitteltöne und einen starken Peak im Bereich der tiefen Schatten. Das Neugeborene wird in den Zonen III bis VII bzw. IV bis VI umspielt, die Handschuhe grenzen sich davon etwas heller und deutlich kontrastärmer in den Zonen VI bis VII ab.

Farben:

Bläuliche Rottöne, eine sogenannt ‘livide Verfärbung’ des Neugeborenen und gedämpfte Gelbtöne der Handschuhe dominieren das Bild.

Struktur:

Das Schärfemaximum liegt auf dem linken Handschuh der haltenden Person und der linken Hand des Neugeborenen, leider jedoch nicht auf dessen Gesicht oder gar Augen.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Es ist die ‘Unmittelbarkeit’, welche mir in diesem Bild besonders gut gefällt – damit meine ich zum einen die ‘Unmittelbarkeit der körperlichen Nähe’, in die wir Betrachter durch den Blickwinkel des Fotografen hineingezogen werden; ich meine damit aber auch die ‘Unmittelbarkeit der ganz archaischen Geburtsvorgänge’, eine Art hereinbrechender und überwältigender Naturgewalt, mit der wir hier konfrontiert werden und die sich vom ‘Rosarotgefühl und Kindchenschema’ abgrenzt.

Wir bekommen so nach meinem Dafürhalten eine ziemlich gute Idee, wie anstregend und komplikationsträchtig das Geburtsgeschehen auch in heutiger Zeit noch ist, allen lindgrünen Wänden und gutsortierten Wellnessecken heutiger Kreißsäle zum Trotz. Die moderne Geburtsmedizin hat die frühere Gefährdung der Mütter und Neugeborenen Gott sei Dank deutlich mindern, wenngleich nicht völlig bannen können.

In solcher Betrachtung scheint mir – über den begreiflichen Stolz des Vaters und seine Ergriffenheit hinaus – dem Bild auch eine übergeordnete Bedeutung für uns Außenstehende zuzukommen. Nun stellt sich die Frage, ob und wie wir die bestehenden Problembereiche neutralisieren und das Bild so zu noch besserer Wirkung bringen könnten.

Ein erster, wichtiger Schnitt ist eine Verdichtung des Bildgeschehens. Die seitlichen Partien im reinen Schwarz des Negativraums sind überzählig. Auch von unten her kann etwas abgenommen werden, wodurch zugleich die ablenkenden Elemente rechts unten entfernt werden. Die linke Hand des Neugeborenen bleibt im Zentrum, sie ist dort als ‘Brücke zur Welt’ wichtig und wird von den Linien des Goldenen Schnitts umrahmt (siehe Bild ‘Überarbeitung: Verdichtung durch Beschnitt).

Im zweiten Schritt würde ich noch eine Schwarzweißkonvertierung vorschlagen (nicht zu verwechseln mit der Graustufenumwandlung zu Illustrationszwecken), um das Geschehen ‘dramatisch zu übersetzen’. Für Interessierte sei erwähnt, daß hierbei die Charakteristik des guten alten ‘Ilford Delta 400 Professional‘ simuliert wurde. Der Rotkanal wurde noch leicht zurückgenommen, um die Abstufung zwischen Neugeborenem und Handschuhen zu betonen (siehe Bild ‘Überarbeitung: Ergebnis nach Schwarzweißkonvertierung’).

Die weiteren Problembereiche, wie die unglücklich angeschnittene rechte Hand oder die überstrahlten Lichter und zugelaufenen Schatten nach Blitz bleiben davon natürlich grundsätzlich unberührt, doch finde ich, daß die so dazugewonnene Dichte und Dramatik diese ein Stückweit überspielt.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Komposition: Darstellung der Blickführung

Komposition: Darstellung der Problembereiche

Komposition: Darstellung der Problembereiche

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Verdichtung durch Beschnitt

Überarbeitung: Verdichtung durch Beschnitt

Überarbeitung: Ergebnis nach Schwarzweißkonvertierung

Überarbeitung: Ergebnis nach Schwarzweißkonvertierung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung

 

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In der Rubrik ‘Bildkritik’ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Leserfoto:
Zwischen professioneller Anmutung und kalkuliertem Regelbruch

Das wohltuende Ergebnis eines durchdachten Konzepts, einer professionellen Aufnahme bzw. Ausarbeitung und eines kalkulierten Regelbruchs zeigt das heute besprochene Bild.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Daniel Mack aus dem nordrhein-westfälischen Königswinter hat uns das obige Bild unter dem Titel „Brot und Spiele 2.0” in der Kategorie ‘Konzept’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Jeden Monat veranstalten wir einen privaten Fotowettbewerb unter Freunden. Das Motto lautete ‘Brot und Spiele’. Kaiser Trajan habe Massenunterhaltungen besonders gepflegt, in der festen Meinung, ‘dass das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich im Bann halten lasse’. Mein Bild stellt ein Konzept der modernen Variante dar. Im Studio aufgenommen, eine Softbox frontal, ein Spotlight auf den Hintergrund. Geschossen mit Olympus OM-D EM5, 45mm, Blende f1.8 und 1/125. ISO 200.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Daniel bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß als Objektiv die Festbrennweite Olympus M.Zuiko Digital 45mm f/1.8 mit einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 90,0 mm (bei einem Formatfaktor von 2,0) verwendet wurde.

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Daniels Ansatz, sich im ‘Bilderwettstreit mit Freunden’ zu messen und dabei in einer aufwendigen Studioarbeit – wahlweise ironisch oder resignativ – ‘panem et circenses‘ als altbewährtes Herrschaftsprinzip der Mächtigen zu zitieren, gefällt mir sehr gut. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Aufnahmesetup:

Mit der Verwendung der maximalen Offenblende von f/1,8 verzichtete Daniel zwar auf einen Teil der möglichen Abbildungsleistung, deren größte Ausprägung sich im Bereich der ‘kritischen Blende‘ von f/5,6 bis f/11,0 findet. Gleichwohl war die Entscheidung hier unzweifelhaft richtig, um den Schärfeverlauf (dazu unten noch mehr) schön in Szene zu setzen.

Des weiteren fällt auf, daß Daniel sich auf ein Führungs- und Hintergrundlicht beschränkte und damit in Abweichung von der klassischen Drei- bzw. Vierpunktbeleuchtung auf das Aufhellungs- und Kantenlicht verzichtete (siehe dazu ggf. den dritten Teil meines Tutorials zur Porträtfotografie). Doch auch diese Entscheidung erscheint vor dem Hintergrund der insgesamt hellen Bildanmutung nachvollziehbar.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild empfängt den Betrachter im 4:3-Querformat und mit übersichtlicher Anordnung der Elemente.

Gesicht und Hände fesseln unseren Blick in besonderer Weise, und so stellen diese auch in Daniels Bild die Hauptelemente dar (rote Linien ebd.), die sich mit gutem Zutun auch als verkipptes und sehr spitzes Dreieck beschreiben lassen (ohne Abbildung ebd.).

Eingerahmt werden diese Elemente von den Hauptstrukturen des Körpers, insbesondere beiden Armen und Händen, wobei man die Fältelungen des Kragens noch als gesichtsbetonende Struktur hinzunehmen kann (orange Linien ebd.).

Die zweite, gegenüber der Person nachrangige, gleichwohl auch im Kontrapunkt zu dieser stehende Motivgruppe stellt jene Formation der Pizzaschachteln dar (eine ans Sofa gelehnt, die anderen auf diesem gestapelt), deren Inhalt sich unser Protagonist im wesentlich schon einverleibt haben mag (gelbe Linien ebd.).

Zur ‘Erdung’ dieser beiden Motivgruppen dient das Sofa (grüne Linien ebd.).

Schließlich findet sich mit dem Schattenwurf des Sofas und einer Bodenkante auch noch der Raum angedeutet, in welchem die Szene spielt (türkisfarbene Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung möchte ich jene Aufwärtsbewegung von den Pizzaschachteln links unten über die Hände mit Playstation zum Gesicht des Protagonisten benennen (breiter violetter Pfeil ebd.).

Wichtig für die Bilddynamik (ich komme in der Zusammenfassung noch darauf zurück) ist auch noch die etwa 30 Grad nach rechts betragende Verkippung des Bildes (schmaler violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich etwas rechtsschief und zweigipflig bei einem Median von 140.

Bei der Zonenverteilung (Schatten rot, Mitten und Mischbereiche orange, Lichter gelb, hoher Kontrastumfang in großer und niedriger in kleiner Schrift) stechen insbesondere zwei Bereiche ins Auge – die sehr kontrastreich gezeichnete Person in den Zonen I bis IX und der etwas zurückhaltender kontrastierte ‘Pizzabereich’. Deutlich davon abgesetzt liegen der Hintergrund und Teile der Sofaflanken in den Zonen VII bis IX.

Farben:

Gebrochene Balu- und Orangetöne, durchsetzt mit einigen Rot- und Grüneinsprengseln dominieren das Bild

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Nur kurz seien die Bandingartefakte in der linken oberen Bildecke erwähnt (rotes Viereck ebd.). Diese entstehen bei der Verkleinerung und Kompression ins 8-Bit-JPG-Format und liegen im Ursprungsbild gewiß nicht vor. Man hätte diesem Effekt mit einer Weichzeichnung bzw. Schärfungsausklammerung dieses Bereichs entgegentreten können.

Das Schärfemaximum liegt auf dem Gesicht und den beiden Händen, wo es hingehört (gelbes Dreieck ebd.). Sehr schön stellt sich der Schärfeverlauf dar mit seinem schon erwähnten Schärfemaximum, der weichen Schärfe auf dem restlichen Körper und der angelehnten Pizzaschachtel, der leichten Unschärfe auf den übrigen Pizzaschachteln und der deutlichen Unschärfe im Hintergrund (Blauabtönungen ebd.).

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich möchte Daniel zunächst danken, daß er als gelernter Fotograf bzw. Fotodesigner uns seine Arbeit zur Besprechung anvertraut. Dies ist uns, wie man so schön sagt, ‘Ehre und Herausforderung zugleich’ …

Seinem eigenen, professionellen Anspruch ist Daniel mit dieser Arbeit zweifellos gerecht geworden.

Dies beginnt schon mit den Entscheidungen zur Blendenwahl und Ausleuchtung, welche im Sinne eines ‘kalkulierten Regelbruchs’ recht lehrreich wirken.

In formaler Hinsicht überzeugen die schöne Darstellung der Ton- und Farbwerte, desgleichen der Schärfeverlauf, welcher auf kleinem Raum enormen Tiefeneindruck schafft.

Inhaltlich ergibt sich der Bildwitz durch die Substitution des althergebrachten Prinzips ‘Brot und Spiele’ durch die neuzeitliche Konnotation von ‘Pizza und Playstation’. Man mag, dies überläßt Daniel ganz dem Betrachter, darüber schmunzeln oder verzweifeln, daß der Mensch sich in seiner Manipulierbarkeit über die Zeiten so wenig ändert.

Auch die Verkippung, wiederum ein Aspekt ‘kalkulierten Regelbruchs’, ist schließlich ein gelungenes und wichtiges Element der Bilddramaturgie, indem sie eine ‘Metapher einer verdrehten Welt’ einführt.

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Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung und Verkippung

Komposition: Blickführung und Verkippung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Struktur: Schärfemaximum und Bandingartefakte

Struktur: Schärfemaximum und Bandingartefakte

Struktur: Schärfeverlauf

Struktur: Schärfeverlauf

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung

 

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In der Rubrik ‘Bildkritik’ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Leserfoto:
Rascher Blickdurchgang

Die Bedeutung spannungsvoller Komposition und Blickführung wollen wir im Rahmen der heutigen Bildvorstellung diskutieren.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (5 Bilder)

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Felix Schmidt aus dem sachsen-anhaltinischen Halle (Salle) hat uns das obige Bild unter dem Titel „Pauluskirche bei Nacht” in der Kategorie ‘Architektur’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hi. Hier mal ein Foto von mir, zu welchem ich gerne eine Kritik hätte. Aufgenommen am 8.1.2014 gegen 18.00 Uhr in Halle (Saale). Zu sehen ist die Pauluskirche auf dem Hasenberg. Da die Kirche seit ca. 4 Wochen abends beleuchtet wird, wollte ich dies natürlich gleich mit meiner neuen Kamera festhalten. Exif-Daten: Kamera: Canon EOS 6D Objektiv: EF 24-105 f/4 L IS USM Brennweite: 24mm Blende: f/5,6 ISO: 1.600 Bel.zeit: 1 sec”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Felix bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch, daß die abgelesene und kleinbildäquivalente Brennweite beim hier verwendeten Kleinbildvollformat identisch waren.

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Bildversion auf '500px'

Bildversion auf '500px'

Im Vergleich zu Felix’ Bildversion bei ’500px’ weist die hier gezeigte einen etwas erhöhten Kontrast und Farbauftrag und eine Verdichtung auf die Kirche durch einen Beschnitt von unten her auf.

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild zeigt ein etwas gestrecktes 3:2-Querformat und weist drei Teile auf – einen mittleren, recht ‘vollen’ mit der von Kunstlicht beleuchteten, fast die ganze Bildhöhe einnehmenden Kirche sowie zwei seitliche, recht ‘leere’ mit sehr dunklen Baumsilhouetten und einem davon nur geringfügig abgesetzten Nachthimmel. Die Posterisation verdeutlicht diese Bildgewichtung mit den drei sich über jeweils ein Drittel der Bildbreite erstreckenden Teilen.

Die mittig angelegte Kirche stellt den Blickfang und das Hauptmotiv des Bildes dar. In seiner Gesamtstruktur wirkt sie wie ein aufrechtes Dreieck (durchgezogene rote Linien ebd.), darüber hinaus weist sie reiche Binnenstrukturen auf (punktierte rote Linien ebd.).

Zu beiden Seiten wird die Kirche von zwei kleinen Straßenlaternen und dem davon beleuchteten Buschwerk (orange Linien ebd.) eingerahmt.

Im Hintergrund werden noch Baumsilhouetten (durchgezogene türkisfarbene Linien ebd.) und -binnenstrukturen (punktierte türkisfarbene Linien ebd.) schemenhaft erkennbar.

Die Blickführung folgt der zentralen Struktur von unten nach oben (violetter Pfeil ebd.) im schnellen Durchgang, während die seitlichen Teile wenig zum Verweilen einladen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich deutlich linksversetzt und linksschief bei einem Median von knapp 25. Weitläufige Tonwertabbrüche finden sich im Schattenbereich, nicht jedoch im Lichterbereich.

Die Kirche als Hauptmotiv umfaßt die Zonen II bis VII. Die Baumsilhouetten liegen in den Zonen 0 bis I, der Nachthimmel findet sich davon wenig abgegrenzt in der Zone I.

Farben:

Das Hauptmotiv ist von warmen Orangetönen, das Gras und Himmel von kalten Grün- und Blautönen beherrscht.

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Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Mit seiner mittigen Komposition, den weitläufigen Negativräumen und dem insgesamt recht flauen Bildeindruck kann mich Felix’ Arbeit leider nicht völlig überzeugen.

Die Binnenstrukturen der Kirche sind zweifelsohne reizvoll dargestellt, doch darüber hinaus ist das Bild zu rasch durchgesehen, lassen zu wenig Spannungsbögen das Bild lebendig werden.

Ich darf auf die untenstehende Überarbeitung verweisen, in welcher durch einen Beschnitt der (aus meiner Sicht) überzählige Negativraum vermindert wurde und eine Farbauffrischung erfolgte.

Im so entstehenden 7:6-Querformat bekommt die links unten platzierte Straßenlaterne als Kontrapunkt zur großen Kirche neue bzw. größere Bedeutung. Sie fungiert nun als Ausgangspunkt für eine viel spannendere, zunächst nach nach rechts (zur Kirche hin) und dann nach oben (zur Turmspitze hin) strebende Blickführung.

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Bildteil:

Komposition: Darstellung der Bildgewichte durch extreme Posterisation

Komposition: Darstellung der Bildgewichte durch extreme Posterisation

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Darstellung der Blickführung

Komposition: Darstellung der Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Beschnitt und Farbauffrischung

Überarbeitung: Beschnitt und Farbauffrischung

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Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung

 

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In der Rubrik ‘Bildkritik’ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (7)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Ich komme nun zum Ende meiner Ausführungen.

Den Eingangsteil im Sinne eines Definitionsversuchs der Streetfotografie hatte ich kurz gehalten. Dies sollte nicht der Schwerpunkt dieses Tutorials sein, zumal dazu von verschiedener Seite bereits viel gesagt wurde.

Ein erster Schwerpunkt ergab sich dann bei den Fallstricken der Streetfotografie, insbesondere bei der potentiellen Verletzung von Persönlichkeitsrechten der auf unseren Bildern Abgebildeten. Ein länderübergreifender Vergleich sollte dieses Kapitel abrunden. Weitere Widrigkeiten benannte ich im Sinne der Verwechslung mit bzw. unzureichenden Abgrenzung gegenüber der Porträt-, Dokumentar- und Pressefotografie. Auch das Abgleiten in Erinnerungsbild und Schnappschuß, kurzum in Trivialität, fand als eine aus meiner Sicht beträchtliche Gefahr für eine anspruchsvoll verstandene Streetfotografie Erwähnung.

Ausführlich war ich dann auf Lösungsansätze eingegangen, insbesondere auf das ´Wann und Wie´ der nötigen Einwilligung, aber auch auf gestalterisch-kompositorische Ansätze, die das Zustimmungsdilemma einzudämmen vermögen. Die Darstellung endete bei der kurzen Erwähnung meines eigenen Ansatzes ´Streetfotografie mit dem Lensbaby´, welchen ich beizeiten noch ausführlicher darstellen will.

Wichtig über die Erwähnung einzelner Lösungsansätze hinaus war mir noch, aufzuzeigen, daß die Streetfotografie trotz ihrer nicht unerheblichen rechtlichen und gestalterischen Herausforderungen auch hierzulande sehr wohl möglich ist. Ich kann mittlerweile jene Unkenrufe, daß “die Streetfotografie unter den hiesigen Verhältnissen eigentlich tot” sei, fast schon nicht mehr hören. Sie ist es nicht, nämlich tot. Sie wäre es allenfalls, wenn wir wie die Axt im Walde vorgingen und uns nicht ausreichend mit Lösungsansätzen und Alternativen beschäftigten. Bei subtiler Befassung hingegen ist sie nach meinem Dafürhalten quicklebendig und angesichts der nicht unerheblichen gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit auch notwendig …

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Bisherige Tutorials des Autors (chronologisch, verlinkt)
1. Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (3 Teile)
2. Digitale Filmkornsimulation (2 Teile)
3. Abwedeln und Nachbelichten in der Digitalfotografie (2 Teile, mit Aktionsset)
4. Vier W-Fragen bei der digitalen Bildschärfung (3 Teile)
5. Das Zonensystem (3 Teile)
6. Festbrennweiten vs. Zoomobjektive – Ein praxisnaher Vergleich bei 35 mm … (3 Teile)
7. Schärfung, lokaler und globaler Kontrast – eine Begriffsklärung … (2 Teile)
8. Lensbaby-Objektive (2 Teile)
9. Lensbaby-Look (2 Teile)
10. Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen (4 Teile)
11. Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (4 Teile)
12. Porträtfotografie (4 Teile)
13. Das Werkzeug ‘Tiefen/Lichter’ (4 Teile)
14. Gestaltpsychologie (4 Teile)
15. Blickwege bei der Bildbetrachtung (4 Teile)
16. Posterisation als ergänzendes Hilfsmittel der Bildanalyse (2 Teile)
17. Waldfotografie (4 Teile)
18. Schärfentiefe (5 Teile)
19. Das digitale Belichtungsdilemma (5 Teile)
20. Spannungsbögen in der Fotografie (5 Teile)
21. Über die Farbe in der digitalen Schwarzweißfotografie (5 Teile)
22. Landschaftsfotografie (6 Teile)
23. Folgt dem Untergang der Sonne derjenige der Fotografie auf dem Fuße? (7 Teile)

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Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (6)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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3.6 Anschnitte und Abstraktion

Fast schon zum Ende meiner Aufzählung hin sei (last but not least) auf die Möglichkeit hingewiesen, mit Anschnitten von Personen zu arbeiten oder auf die Darstellung von Personen ganz zu verzichten. Es kommt der Einwand, daß das dann keine Streetfotografie mehr wäre? Das sehe ich anders und verweise nochmals auf Punkt 2.2 dahingehend, daß Streetfotografie Aspekte des spontanen Straßenlebens aufzeigen und nicht mit einer Porträtfotografie unter Outdoor-Bedingungen verwechselt werden sollte. Auch die Ferne von Personen, mithin also die Beschränkung auf Objekte oder gar die fotografische Abstraktion, kann indirekt auf die Anwesenheit und Einwirkung von Menschen hinweisen.

Abb. 22: ´Leere Flasche´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Abb. 22: ´Leere Flasche´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Mein Bild ´Leere Flasche´ (siehe dazu auch Abbildung 22) soll dieses Wirkprinzip veranschaulichen. Dort ist zum Aufnahmezeitpunkt kein Mensch, aber die Relikte allein mögen uns wohl den Rest der Geschichte, einschließlich des vormaligen Einwirkens eines Menschen, erzählen.

 

 

 

 

 
Abb. 23: ´Straßenmusik´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Abb. 23: ´Straßenmusik´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Nochmals möchte ich ein Bild von Marcus Leusch anführen – dieser weist ein vielfältiges und interessantes Streetportfolio auf und hat schon etliche Arbeiten zur Besprechung und Diskussion eingereicht. Diese Bild hier trägt den schlichten Titel ´Straßenmusik´ und wurde hier im April 2014 besprochen (siehe dazu auch Abbildung 23).

Wir sehen auf dem Bild einen doppelten Torso – zwei Hände einer Person und Teile einer Harfe. Mögliche Fallstricke von Wiedererkennbarkeit werden so gemieden und trotz (oder gerade wegen) der Ausschnitthaftigkeit weist das Bild eine starke Dynamik auf.

3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby

Zuletzt möchte ich noch einen Ansatz erwähnen, den ich über die letzten Jahre hinweg entwickelt hatte. Über das Lensbaby und insbesondere über Bauart, Funktionsweise und die nicht ganz einfache Bedienung hatte ich in einem eigenen Tutorial bereits im April 2013 berichtet.

Das Lensbaby eignet sich nach meinem Dafürhalten auch sehr gut für die Streetfotografie. Die tendenzielle Abbildungsschwäche und die weitläufigen Unschärfebereich außerhalb des ´sweet spots´ sind streng genommen Objektivschwächen, werden hier aber im Sinne eines kreativen Gestaltungsmoments nicht nur in Kauf genommen, sondern geradezu gesucht. Die genannten Eigentümlichkeiten erlauben kaum eine derart akkurate Darstellung einzelner Personen, wie wir sie von hochabbildenden Objekten gewohnt sind. Und eben diese Vagheit erweist sich im Sinne unserer heutigen Erörterung, insbesondere der Meidung von Kollisionen mit den Persönlichkeitsrechten der Abgebildeten, geradezu als Segen.

Ich will diesen Ansatz beizeiten noch in einem separaten Tutorial ausführlich vorstellen und mich hier darauf beschränken, nochmals zwei Beispielbilder aus meinem eigenen Portfolio und deren Kommentierung durch Florian Adler vom Magazin ´Schwarzweiß´ anzuführen.

Abb. 24: ´Entfremdet´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Abb. 24: ´Entfremdet´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Unser Leser hat ein sehr skurriles Foto zur Diskussion und Analyse eingesendet. Da gibt es das verblüffende Wechselspiel aus Realem und Spiegelung, das durchaus zu verwirren vermag. Thomas Brotzler fotografiert ein Sakko in einer Schaufensterauslage. Leicht schräg von der Seite bringt das Sakko eine gewisse formale Spannung. Gut platziert ist auch die Fensterschnittstelle, die, aus der der Mittelachse weit nach links versetzt, das Bild vertikal teilt. Doch nun wird es spannend: Es sind die Spiegelungen in den Scheiben, die das Besondere in diesem Bild ausmachen. Genau beobachtet unser Leser das Motiv und findet den entscheidenden Moment, in dem ein anonymer Mann kleinformatig, scheinbar ins Jackett integriert, zu erkennen ist. Dazu werden auch noch ein Straßenverlauf und Autoparkbuchten sichtbar. Auch die überstrahlten weißen Abgrenzungen im linken Bildteil und dem unteren Bildbereich bewirken eine seltsame Szenerie, die vom Bildautor wirksam und geheimnisvoll anmutend miteinander verbunden werden. Schaufenster, mit ihren Auslagen und vor allem mit ihren Glasspiegelungen, garantieren unendlich viele Motive. Allerdings muß man sich mit ihren sehr konzentriert auseinandersetzen, um wirklich alle Feinheiten und Seltsamkeiten zu entdecken. Vielleicht erreichen die Redaktion in Zukunft weitere Aufmerksamkeit erregende Arbeiten zu diesem Thema.” (siehe dazu auch Abbildung 24)

Abb. 25: ´Mondän´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Abb. 25: ´Mondän´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2010)

Ein weiteres, auf den ersten Blick seltsam anmutendes Foto hat unser Leser Thomas Brotzler eingesendet. Er ist Psychotherapeut und so interessieren ihn Zwischenwelten, auf die er trifft. Diesmal findet er sein Motiv in einer Schaufensterauslage. Das zu beobachtende Wechselspiel aus Schärfen und Unschärfen fasziniert. Aus dem Vordergrund führt eine abgerundete Form in den Bildhintergrund. Daß diese Form nicht scharf gezeichnet ist, stört hier nicht. Vielmehr trägt sie bei zu einem geheimnisvoll anmutenden Bildinhalt. Die Bewegung weist auf zwei Schaufensterpuppen in linken oberen Bildbereich. So ist größtmögliche formale Spannung erzielt und eine eindeutige Ausrichtung des Bildbetrachters. Neben der unscharfen Form, die in den Bildhintergrund führt, fallen die durch Lichtbrechungen in den Schaufenstern ebenfalls unscharf wirkenden Architekturelemente auf. So ist auf eine sehr unwirklich anmutende Welt verwiesen, die ziemlich unkonkret bleibt. Das öffnet natürlich dem Betrachter des Bildes unzählige Assoziationen, die vom Bildautor durchaus angestrebt sind. Es bleibt das Wechselspiel aus realer Welt und verfremdeter Welt. Der Fotograf manipuliert hierbei nicht, sondern greift zurück auf Vorhandenes. Es gibt so manchen Fotografen, der mit komplizierter Verschiebetechnik an der Kamera solche Bildeindrücke manipuliert, um an ähnlich geheimnisvolle Bildaussage zu gelangen, Unser Leser greift bei seiner Auseinandersetzung mit der Welt nur auf Vorhandenes zurück. Und vielleicht liegt gerade hier die Stärke seiner Arbeit.” (siehe dazu auch Abbildung 25)

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (5)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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3.3 Abdunkelungseffekte, Film-noir-Eindruck

Düsternis als gestalterisches Element ist auch ein wesentlicher Bestandteil der nächsten Bildgruppe. Es handelt sich um Low-Key-Aufnahmen, die zudem einen gewissen Film-noir-Eindruck vermitteln. Die Erkennbarkeit der Personen ist durch die Abdunklung eingeschränkt. Der Einwand, daß eine Aufhellung diesen Maskierungseffekt aufheben würde, greift meines Erachtens nicht, da dies wiederum ein rechtswidriger Eingriff von außen in das bestehende Urheberrecht des Fotografen wäre.

Abb. 16: ´Stranger´ (Quelle: Zorica Antonic, undatiert)

Abb. 16: ´Stranger´ (Quelle: Zorica Antonic, undatiert)

Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist etwa Zorica Antonics Bild ´Stranger´, welches hier im Juli 2014 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 16).

Die Szene bliebt geheimnisvoll, dynamisch und lädt zu manchen Interpretationen und Fortschreibungen ein, wodurch das Bild eine nachhaltige Wirkung entfaltet.

Abb. 17: ´Erschöpft´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Abb. 17: ´Erschöpft´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Eine ganz andere Wirkung entfaltet Marcus Leuschs Bild ´Erschöpft´, welches hier im Juli 2013 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 17).

Es ist ebenfalls düster, doch herrschen hier eher Stille und Melancholie vor.

3.4 Nutzung von Scherenschnitten

Hochinteressante Möglichkeiten eröffnen sich auch durch die Darstellung von Personen als Silhouetten. Die Erkennbarkeit der Abgebildeten ist damit quasi ausgeschaltet. Diese Gestaltungsart lenkt den Blick von der individuellen Darstellung Einzelner zu einer eher kollektiven Aussage, wie diese sich zur Umgebung stellen und wie diese wiederum auf die Personen einwirkt.

Abb. 18: ´Urbane Scherenschnitte´ (Quelle: Thalia Wettstein, undatiert)

Abb. 18: ´Urbane Scherenschnitte´ (Quelle: Thalia Wettstein, undatiert)

Thalia Wettsteins Bild ´Urbane Scherenschnitte´ etwa, welches hier im Juni 2013 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 18), bietet trotz einer lebendigen und heiteren Gesamtanmutung auch manche geheimnisvolle und interpretationswürdige Aspekte, welche das Bild wiederum interessant und vielschichtig erscheinen lassen.

Ein ergänzenden Element ist die Parzellierung in vier Einzelbilder, die wie ein Comic Strip eine fortlaufende Geschichte erzählen.

Abb. 19: ´Düsterberg´ (Quelle: Dominik Haitz, undatiert)

Abb. 19: ´Düsterberg´ (Quelle: Dominik Haitz, undatiert)

Ganz anders in seiner Gesamtwirkung ist Dominik Haitz’ Bild ´Düsterberg´, welches hier im März 2013 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 19).

Es ist sehr düster, abgründig und vermittelt so fast einen endzeitlichen Eindruck.

3.5 Kleinheit der Abgebildeten

Ein weiteres, probates Mittel zur Vermeidung unbotmäßiger Erkennbarkeit soll nicht unerwähnt bleiben: die Verkleinerung der Abgebildeten, die sich zum Beispiel durch die Verwendung weitwinkliger Objekte ergibt. Ein gestalterisches Plus besteht auch darin, den Blick von der individuellen Darstellung auf die Wechselwirkung zwischen Personen und Umgebung zu lenken.

Abb. 20: ´was ist schon Paris ...´ (Quelle: Dirk Wenzel, undatiert)

Abb. 20: ´was ist schon Paris ...´ (Quelle: Dirk Wenzel, undatiert)

Dirk Wenzel hat dazu eine interessante Arbeit mit dem Titel ´was ist schon Paris …´ eingereicht, welche hier im März 2014 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 20). Schon besagter Titel mag Diskussionsbedarf wecken, gleiches gilt auch für die Art der Gestaltung.

Eine Person (wiederum ein Scherenschnitt im Sinne des Punktes 3.4) strebt allen konventionellen Gestaltungsregeln zum Trotz nach links aus dem Bild und zieht einen langen Schatten, der wiederum von einem langen Zebrastreifen gekontert wird.

Abb. 21: ´Sommerimpression aus der Schoppingzone´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Abb. 21: ´Sommerimpression aus der Schoppingzone´ (Quelle: Marcus Leusch, undatiert)

Auch Marcus Leusch zeigt uns zu diesem Thema ein interessantes Beispiel mit seinem Bild ´Sommerimpression aus der Schoppingzone´, welche hier im Oktober 2013 besprochen wurde (siehe dazu auch Abbildung 21).

Die beiden Protagonisten sind klein abgebildet, zudem sind diese durch einen Hutschatten (bei der älteren Frau) sowie den nach unten gewendeten Blick (beim jungen Mann) weiter maskiert.

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

Eis- und Schneereste

 

Dem tristen Winter mit einem sonnigen Foto auf den Leib gerückt, bleibt noch immer etwas Luft nach oben im Bildaufbau.

img_9075

img_9075

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Die Aufnahme entstand am vergangenen Wochenende an einem eingefrorenen Teich. Ich habe versucht, die Winterlandschaft noch einmal einzufangen, bevor uns der Frühling endlich erlöst. Reizvoll an diesem Motiv fand ich insbesondere den Kontrast zwischen der dunklen Eisdecke und der hellen Schneefläche, die hier wie eine kleine Insel wirkt.

Die Tiefenschärfe wurde durch das moderate Tele und den Einsatz der Offenblende (2.8) gezielt gering gehalten, um den konfusen Hintergrund zu unterdrücken.

Marke: Canon

Modell: Canon EOS 500D

Belichtungszeit: 1/1250

ISO: 100

Blende: 14/5

Brennweite: 135/1

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Ich hoffe Christian ist nicht in die Eisdecke eingebrochen, denn es sieht schon ziemlich angetaut aus. Das ist es auch was er uns mit dem Bild vermitteln möchte und auch schafft.

 

In der Tat ist der Kontrast zwischen dunklem Eis, was ja schon ungewöhnlich ist und den auch nicht mehr ganz schneeweißen, kristallinen Winterresten recht dominant. Für mich ist das Bild trotzdem noch etwas zu dunkel. Das Weiß des Schnees kommt auch eher grau daher. Das ganze Foto noch etwas aufgehellt bringt noch immer den Kontrast gut rüber und wirkt ansprechender. Auch kommt dadurch der leichte Sonnenstrahl auf dem vorderen Eishügel besser zur Geltung und bestärkt noch das Gefühl des Abschmelzens und bringt gute Stimmung ins Hirn des Betrachters.

Eispfuetze_TR

Eispfuetze_TR

Eine weitere gute Lösung den im Auflösen begriffenen Winter zu zeigen sind die in den Häufchen steckenden Holzstücke. Im vorderen Motiv, dem Hauptmotiv, ist der Stecken noch ganz aufrecht zu sehen, doch wenn wir genauer hin sehen, entdecken wir im Hintergrund einen schon umgefallen Holzstab. Und um dem Ganzen noch die richtige, nämlich negative Bedeutung zu geben, liegt dieser auch als absteigende Diagonale im Bild. Das verstärkt die Wirkung, dass es mit ihm bald zu Ende geht noch zusätzlich.

Obwohl Christian schon mit Blende 2,8 belichtet hat finde ich den Hintergrund noch etwas störend, unruhig. Besonders das eine kranähnliche Element stört den ansonsten guten Bildaufbau. Sicherlich lässt sich dieses Element noch nachträglich entfernen. Und wenn wir schon dabei sind, kann die weiße gebogene Linie im Hintergrund noch etwas aufgehellt werden, um die Farbe und Helligkeit des Vordergrunds aufzunehmen und zu unterstützen.

Durch ein leichtes Panoramaformat bekommt das Bild noch etwas mehr Dynamik, auch wenn dadurch der sehr enge Beschnitt am linken Bildrand nicht aufgehoben wird. Mir ist es dort etwas zu nah dran, gerade wenn ich den Holzstab im Hintergrund betrachte.

 

 

 

Leserfoto – Statue of Liberty:
Stark reduziert

Sich bei bekannten Motiven auf Details zu konzentrieren, bietet neue Perspektiven. Dennoch sollte man bei der Nachbearbeitung auf eben jene auch achten.

(c) Borg Enders

(c) Borg Enders

Hier eine Detailaufnahme eines Amerikanischen Wahrzeichens. Erkennt ihr es oder war die Reduktionauf dieses eine Element zu viel?

Ich finde Details sagen oft mehr über ein Gebäude oder Denkmal aus als das Gesamtbild. Das Gesamtbild nimmt auch in der Regel jeder ähnlich war, wo ein Detail vielleicht nur von einer kleinen Anzahl von Fotografen gesehen wird.

Die Freiheitsstatue ist eines dieser Sujets, die man schon so oft gesehen hat, daß man sie nicht mehr sehen kann; eine einfache Suche auf Google genügt, um dieses zu illustrieren. Sie ist ein Muß auf der Liste eines jeden Touristen in New York City. Meistens wird sie vom Wasser aus in voller Länge dargestellt, oder von Liberty Island aus so, daß der Kopf oder die Fackel in Nahaufnahme zu sehen sind. Sehr selten sieht man Bilder, die sich auf andere Details konzentrieren. Du hast Dich hier auf die Tafel beschränkt, die die Statue in der Hand hält. Diese zeigt das Datum „July IV MDCCLXXVI“, also den Tag der amerikanischen Unabhängigkeit, den vierten Juli 1776.

Wenn man das Foto kompositionell analysiert, stellt man fest, daß sich die Hand und die sich in ihr befindliche Tafel fast perfekt im Goldenen Punkt befinden:

Goldener Punkt

Goldener Punkt

Du hast das Motiv so reduziert, daß es schon fast abstrakt wirkt. Die Schweißlinien laufen strahlenförmig durchs Bild und aufeinander zu (gelb). Diese Geometrie wird durch das runde der Hand etwas aufgelöst. Der einfarbige, dunklere Himmel bildet ein optisches Spiegelbild zum hellen Metall der Statue.

Bestimmende Linien

Bestimmende Linien

Ich persönlich finde es nicht zu stark reduziert, im Gegenteil – es ist einmal etwas anderes. Allerdings hat das Foto ein Problem, das jedoch leicht zu lösen ist. Durch den Aufnahmezeitpunkt und den Winkel, den Du gewählt hast, befinden sich links zwei Schatten, die ich als störend empfinde (gelbe Pfeile).

Problemzonen

Problemzonen

Du spielst hier mit Abstraktion und Linien, wozu die beiden schwarzen Flecken ganz und garnicht passen. Ich hätte sie später entweder wegretouchiert oder das Bild beschnitten:

Möglicher Beschnitt

Möglicher Beschnitt

Wie magisch rückt so auch die Tafel mehr in den Goldenen Punkt:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Die andere Frage ist, ob man das Bild so, wie es ist, lassen sollte, oder ob man noch einen Schritt weitergeht und es in Schwarzweiß umwandelt. Die Antwort fällt für jeden verschieden aus, liegt aber natürlich letztlich beim Fotografen. Sie hängt auch davon ab, was mit dem Foto letztlich geschehen soll. Wenn sie nur ein Urlaubsschnappschuß bleiben soll, kann man die Aufnahme so lassen. In einem Artikel über New York hätte sie ebenfalls in Farbe ihren Platz. Sie ist jedoch nicht notwendigerweise etwas, was andere sich an die Wand hängen würden.

Ich habe eine Präferenz für Schwarzweiß und habe sie probehalber entsprechend bearbeitet (Nik Silver Efex Pro in Photoshop mit der Einstellung „Full Spectrum“):

Bearbeitungsvorschlag

Bearbeitungsvorschlag

Durch diesen letzten Schritt verwandelt sich Dein Schnappschuß in einen Kunstdruck, den ich persönlich gerne an der Wand hätte. In dieser Form ein meines Erachtens rundherum gelungenes Foto.

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (4)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

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3. Mögliche Lösungsansätze

3.1 Zustimmung der Abgebildeten

Die Zustimmung der jeweils Abgebildeten einzuholen, erscheint zunächst als eine einfache und ideale Lösung für die Streetfotografie: das Vorgehen ist besprochen, die Tragweite ist verstanden, rechtlicher und gestalterischer Anspruch sind gleichsam abgegolten, alle sind zufrieden?!

Abb. 11: ´Don’t worry be happy´ (Quelle: David Jegers, undatiert, stürzende Linien korrigiert)

Abb. 11: ´Don’t worry be happy´ (Quelle: David Jegers, undatiert, stürzende Linien korrigiert)

Ich fürchte, es ist nicht ganz so einfach. Denken wir nochmals an die ´Goldene Regel´ (“Was Du nicht willst, daß man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”) zurück. Was würden wir wohl denken, wenn aus heiterem Himmel ein Kamerabehängter auf uns zustürmte, mit einem ´model release´ vor unserer Nase herumwedelte und dieses auch noch unterschrieben haben wollte? Genau: “Bin ich hier im falschen Film? Hasta la vista, baby!” Und selbst wenn wir uns bequatschen ließen, verdiente die nachfolgende Aufnahme wohl kaum eine andere Betitelung wie ´Unbekannte Person nach gerade untergezeichnetem model release, mit unspontaner Pose´.

Mit solchen Überfallsaktionen wird also sicher nichts aus dem ´spontanen Straßenporträt´ und dem künstlerischen Anspruch.

Abb. 12: ´Junger Kellner im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 12: ´Junger Kellner im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

´Entschleunigung´ kann auch hier ein nützlicher Ansatz sein – eine Weile vor Ort sein, mit der Kamera dazugehören, die Anwesenden behutsam über das eigene Vorhaben informieren, nochmals zuwarten und die Kamera quasi wieder in Vergessenheit bringen. Bisweilen ergibt sich darüber ein Gespräch, ein Einvernehmen, ein Blickkontakt des Abgebildeten zum Aufnehmenden, der dann sogar eine ´konkludente Zustimmung´ bzw. stillschweigende Willenserklärung im juristischen Sinn (‘Konkludentes Handeln’ bei Wikipedia) darstellt.

Auf solche Weise erübrigten sich schriftliche Zustimmungen bei David Jegers Bild ´Don’t worry be happy´, welches wir im Juli 2013 hier besprochen hatten (siehe dazu auch Abbildung 11) und bei meiner Porträtierung eines jungen Kellners in seiner Zigarettenpause (siehe dazu auch Abbildung 12).

Abb. 13: ´Junge Frau mit Hunden im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 13: ´Junge Frau mit Hunden im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Bisweilen ergibt sich aber auch eine interessante Szene in einiger Entfernung, daß wir nicht in unmittelbaren Kontakt mit dem Abgebildeten kommen, daß wir einen in seinen Gedanken Versunkenen nicht stören wollen oder gerade diese Versunkenheit das Motiv darstellt – wie etwa in meiner Darstellung der jungen Frau mit Hunden (siehe dazu auch Abbildung 13). Dann sollten wir uns zunächst sehr eingehend befragen, ob die Szene nach unserem Konzept wirklich zwingend oder doch verzichtbar ist und dem Abgebildeten nach der ´Goldenen Regel´ zuzumuten ist. Dies bedenkend und bejahend, werden wir uns dann möglicherweise zur Aufnahme entschließen und den Abgebildeten erst danach ansprechen, ihm das Projekt erläutern und das Rohbild zeigen und ihn um Zustimmung zu Aufnahme und Verwertung bitten. So lief es bei besagtem Bild.

Wenn sich hierbei eine Absage durch den Abgebildeten abzeichnet, dann müssen und können wir dies wohl hinnehmen – eine interessante Szene zu verpassen, ist immer schade, aber kein Beinbruch; statt sich in der verlorenen Gelegenheit festzubeißen, empfiehlt es sich eher, den ´fotografischen Flow´ aufrechtzuerhalten und weiter zu flanieren. Streetfotografie sollte nach meinem Dafürhalten immer in respektvoller, behutsamer und meditativer Weise erfolgen. Geradezu angewidert stolpere ich bisweilen über die ´Überrumpelungsfotos eines gewissen Bruce Gilden´, der kurz vor seinen Opfern einschert und diesen frech ins Gesicht blitzt.

3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe

Die Verwendung von Bewegungsunschärfe ist ein recht interessanter Ansatz in der Streetfotografie – gemeint ist damit ein Verwischen der sich bewegenden Passanten vor einem feststehenden Hintergrund. Gemieden werden dadurch zunächst die Fallstricke der Persönlichkeitsrechte (siehe dazu auch Punkt 2.1) durch die Nichterkennbarkeit der Abgebildeten, desgleichen aber auch jene Fallstricke der Porträtierung, Dokumentation und bisweilen auch der Trivialität durch die Unkonventionalität der Darstellung (siehe dazu auch Punkte 2.2 bis 2.4).

Man mag sich fragen, ob ein ´spontanes Straßenporträt´ mit bewegungsunscharfen Passanten in künstlerisch-gestalterischer Hinsicht überhaupt möglich ist. Ich meine: ja. Freilich rückt die Abbildung des Einzelnen, seiner unverkennbaren Züge, seines augenblicklichen Ausdrucks, auf solche Weise in den Hintergrund, doch treten dafür atmosphärische Qualitäten im Sinne eines ´was macht die Umgebung mit dem Einzelnen´ in den Vordergrund. Hinzu kommt ein kreatives Moment der Überraschung dahingehend, daß wir selbst das fertige Ergebnis von vornherein schwer erahnen können.

Einige sich daraus ergebende Möglichkeiten möchte ich anhand von zwei Bildern aus meinem Portfolio verdeutlichen.

Abb. 14: ´Liebespaar in der Unterführung´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 14: ´Liebespaar in der Unterführung´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Beim ´Liebespaar in der Unterführung´ (siehe dazu auch Abbildung 14) entstand die Verwischung durch eine Belichtungszeit von 0,3 Sekunden. Ein Bildstabilisator wurde nicht verwendet, so daß nicht nur die Personen, sondern auch die Umgebung mitsamt der Lichtreflexe in Unschärfe fallen. Ich verstärkte diesen Effekt sogar noch durch eine Seitwärtsbewegung der Kamera.

Was mich vom Ergebnis her ansprach, war das verspielte, tänzerische Element der Personen und der Lichtreflexe. Es erschien wie eine bildgewordenen Entsprechung des jungen Glücks.

Abb. 15: ´Junge Frau am Straßenausgang´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 15: ´Junge Frau am Straßenausgang´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Ganz anders die ´Junge Frau am Straßenausgang´ (siehe dazu auch Abbildung 15), die in der gleichen Sitzung und nur wenig vom Ort des vorherigen Bildes aufgenommen wurde.

Hier ist nichts Leichtes, Spielerisches mehr vorhanden. Die durch eine Belichtungszeit von ebenfalls 0,3 Sekunden entstandene Bewegungsunschärfe wirkt vielmehr düster und bedrohlich, verstärkt durch den im Hintergrund vorbeibrausenden Lastwagen und den wie zum Schutz eingezogenen Kopf der jungen Frau. Der Bildstabilisator war hier übrigens eingeschaltet, so daß die Wände der Unterführung klare Zeichnung aufwiesen..

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Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.