Top Eis- und Schneereste

 

Dem tristen Winter mit einem sonnigen Foto auf den Leib gerückt, bleibt noch immer etwas Luft nach oben im Bildaufbau.

img_9075

img_9075

***

Die Aufnahme entstand am vergangenen Wochenende an einem eingefrorenen Teich. Ich habe versucht, die Winterlandschaft noch einmal einzufangen, bevor uns der Frühling endlich erlöst. Reizvoll an diesem Motiv fand ich insbesondere den Kontrast zwischen der dunklen Eisdecke und der hellen Schneefläche, die hier wie eine kleine Insel wirkt.

Die Tiefenschärfe wurde durch das moderate Tele und den Einsatz der Offenblende (2.8) gezielt gering gehalten, um den konfusen Hintergrund zu unterdrücken.

Marke: Canon

Modell: Canon EOS 500D

Belichtungszeit: 1/1250

ISO: 100

Blende: 14/5

Brennweite: 135/1

***

Ich hoffe Christian ist nicht in die Eisdecke eingebrochen, denn es sieht schon ziemlich angetaut aus. Das ist es auch was er uns mit dem Bild vermitteln möchte und auch schafft.

 

In der Tat ist der Kontrast zwischen dunklem Eis, was ja schon ungewöhnlich ist und den auch nicht mehr ganz schneeweißen, kristallinen Winterresten recht dominant. Für mich ist das Bild trotzdem noch etwas zu dunkel. Das Weiß des Schnees kommt auch eher grau daher. Das ganze Foto noch etwas aufgehellt bringt noch immer den Kontrast gut rüber und wirkt ansprechender. Auch kommt dadurch der leichte Sonnenstrahl auf dem vorderen Eishügel besser zur Geltung und bestärkt noch das Gefühl des Abschmelzens und bringt gute Stimmung ins Hirn des Betrachters.

Eispfuetze_TR

Eispfuetze_TR

Eine weitere gute Lösung den im Auflösen begriffenen Winter zu zeigen sind die in den Häufchen steckenden Holzstücke. Im vorderen Motiv, dem Hauptmotiv, ist der Stecken noch ganz aufrecht zu sehen, doch wenn wir genauer hin sehen, entdecken wir im Hintergrund einen schon umgefallen Holzstab. Und um dem Ganzen noch die richtige, nämlich negative Bedeutung zu geben, liegt dieser auch als absteigende Diagonale im Bild. Das verstärkt die Wirkung, dass es mit ihm bald zu Ende geht noch zusätzlich.

Obwohl Christian schon mit Blende 2,8 belichtet hat finde ich den Hintergrund noch etwas störend, unruhig. Besonders das eine kranähnliche Element stört den ansonsten guten Bildaufbau. Sicherlich lässt sich dieses Element noch nachträglich entfernen. Und wenn wir schon dabei sind, kann die weiße gebogene Linie im Hintergrund noch etwas aufgehellt werden, um die Farbe und Helligkeit des Vordergrunds aufzunehmen und zu unterstützen.

Durch ein leichtes Panoramaformat bekommt das Bild noch etwas mehr Dynamik, auch wenn dadurch der sehr enge Beschnitt am linken Bildrand nicht aufgehoben wird. Mir ist es dort etwas zu nah dran, gerade wenn ich den Holzstab im Hintergrund betrachte.

 

 

 

 

Leserfoto – Statue of Liberty:
Stark reduziert

Sich bei bekannten Motiven auf Details zu konzentrieren bietet neue Perspektiven. Dennoch sollte man bei der Nachbearbeitung auf eben jene auch achten.

(c) Borg Enders

(c) Borg Enders

Hier eine Detailaufnahme eines Amerikanischen Wahrzeichens. Erkennt ihr es oder war die Reduktionauf dieses eine Element zu viel?

Ich finde Details sagen oft mehr über ein Gebäude oder Denkmal aus als das Gesamtbild. Das Gesamtbild nimmt auch in der Regel jeder ähnlich war, wo ein Detail vielleicht nur von einer kleinen Anzahl von Fotografen gesehen wird.

Die Freiheitsstatue ist eines dieser Sujets, die man schon so oft gesehen hat, daß man sie nicht mehr sehen kann; eine einfache Suche auf Google genügt, um dieses zu illustrieren. Sie ist ein Muß auf der Liste eines jeden Touristen in New York City. Meistens wird sie vom Wasser aus in voller Länge dargestellt, oder von Liberty Island aus so, daß der Kopf oder die Fackel in Nahaufnahme zu sehen sind. Sehr selten sieht man Bilder, die sich auf andere Details konzentrieren. Du hast Dich hier auf die Tafel beschränkt, die die Statue in der Hand hält. Diese zeigt das Datum „July IV MDCCLXXVI“, also den Tag der amerikanischen Unabhängigkeit, den vierten Juli 1776.

Wenn man das Foto kompositionell analysiert, stellt man fest, daß sich die Hand und die sich in ihr befindliche Tafel fast perfekt im Goldenen Punkt befinden:

Goldener Punkt

Goldener Punkt

Du hast das Motiv so reduziert, daß es schon fast abstrakt wirkt. Die Schweißlinien laufen strahlenförmig durchs Bild und aufeinander zu (gelb). Diese Geometrie wird durch das runde der Hand etwas aufgelöst. Der einfarbige, dunklere Himmel bildet ein optisches Spiegelbild zum hellen Metall der Statue.

Bestimmende Linien

Bestimmende Linien

Ich persönlich finde es nicht zu stark reduziert, im Gegenteil – es ist einmal etwas anderes. Allerdings hat das Foto ein Problem, das jedoch leicht zu lösen ist. Durch den Aufnahmezeitpunkt und den Winkel, den Du gewählt hast, befinden sich links zwei Schatten, die ich als störend empfinde (gelbe Pfeile).

Problemzonen

Problemzonen

Du spielst hier mit Abstraktion und Linien, wozu die beiden schwarzen Flecken ganz und garnicht passen. Ich hätte sie später entweder wegretouchiert oder das Bild beschnitten:

Möglicher Beschnitt

Möglicher Beschnitt

Wie magisch rückt so auch die Tafel mehr in den Goldenen Punkt:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Die andere Frage ist, ob man das Bild so, wie es ist, lassen sollte, oder ob man noch einen Schritt weitergeht und es in Schwarzweiß umwandelt. Die Antwort fällt für jeden verschieden aus, liegt aber natürlich letztlich beim Fotografen. Sie hängt auch davon ab, was mit dem Foto letztlich geschehen soll. Wenn sie nur ein Urlaubsschnappschuß bleiben soll, kann man die Aufnahme so lassen. In einem Artikel über New York hätte sie ebenfalls in Farbe ihren Platz. Sie ist jedoch nicht notwendigerweise etwas, was andere sich an die Wand hängen würden.

Ich habe eine Präferenz für Schwarzweiß und habe sie probehalber entsprechend bearbeitet (Nik Silver Efex Pro in Photoshop mit der Einstellung „Full Spectrum“):

Bearbeitungsvorschlag

Bearbeitungsvorschlag

Durch diesen letzten Schritt verwandelt sich Dein Schnappschuß in einen Kunstdruck, den ich persönlich gerne an der Wand hätte. In dieser Form ein meines Erachtens rundherum gelungenes Foto.

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (4)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

3. Mögliche Lösungsansätze

3.1 Zustimmung der Abgebildeten

Die Zustimmung der jeweils Abgebildeten einzuholen, erscheint zunächst als eine einfache und ideale Lösung für die Streetfotografie: das Vorgehen ist besprochen, die Tragweite ist verstanden, rechtlicher und gestalterischer Anspruch sind gleichsam abgegolten, alle sind zufrieden?!

Abb. 11: ´Don’t worry be happy´ (Quelle: David Jegers, undatiert, stürzende Linien korrigiert)

Abb. 11: ´Don’t worry be happy´ (Quelle: David Jegers, undatiert, stürzende Linien korrigiert)

Ich fürchte, es ist nicht ganz so einfach. Denken wir nochmals an die ´Goldene Regel´ (“Was Du nicht willst, daß man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu”) zurück. Was würden wir wohl denken, wenn aus heiterem Himmel ein Kamerabehängter auf uns zustürmte, mit einem ´model release´ vor unserer Nase herumwedelte und dieses auch noch unterschrieben haben wollte? Genau: “Bin ich hier im falschen Film? Hasta la vista, baby!” Und selbst wenn wir uns bequatschen ließen, verdiente die nachfolgende Aufnahme wohl kaum eine andere Betitelung wie ´Unbekannte Person nach gerade untergezeichnetem model release, mit unspontaner Pose´.

Mit solchen Überfallsaktionen wird also sicher nichts aus dem ´spontanen Straßenporträt´ und dem künstlerischen Anspruch.

Abb. 12: ´Junger Kellner im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 12: ´Junger Kellner im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

´Entschleunigung´ kann auch hier ein nützlicher Ansatz sein – eine Weile vor Ort sein, mit der Kamera dazugehören, die Anwesenden behutsam über das eigene Vorhaben informieren, nochmals zuwarten und die Kamera quasi wieder in Vergessenheit bringen. Bisweilen ergibt sich darüber ein Gespräch, ein Einvernehmen, ein Blickkontakt des Abgebildeten zum Aufnehmenden, der dann sogar eine ´konkludente Zustimmung´ bzw. stillschweigende Willenserklärung im juristischen Sinn (‘Konkludentes Handeln’ bei Wikipedia) darstellt.

Auf solche Weise erübrigten sich schriftliche Zustimmungen bei David Jegers Bild ´Don’t worry be happy´, welches wir im Juli 2013 hier besprochen hatten (siehe dazu auch Abbildung 11) und bei meiner Porträtierung eines jungen Kellners in seiner Zigarettenpause (siehe dazu auch Abbildung 12).

Abb. 13: ´Junge Frau mit Hunden im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 13: ´Junge Frau mit Hunden im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Bisweilen ergibt sich aber auch eine interessante Szene in einiger Entfernung, daß wir nicht in unmittelbaren Kontakt mit dem Abgebildeten kommen, daß wir einen in seinen Gedanken Versunkenen nicht stören wollen oder gerade diese Versunkenheit das Motiv darstellt – wie etwa in meiner Darstellung der jungen Frau mit Hunden (siehe dazu auch Abbildung 13). Dann sollten wir uns zunächst sehr eingehend befragen, ob die Szene nach unserem Konzept wirklich zwingend oder doch verzichtbar ist und dem Abgebildeten nach der ´Goldenen Regel´ zuzumuten ist. Dies bedenkend und bejahend, werden wir uns dann möglicherweise zur Aufnahme entschließen und den Abgebildeten erst danach ansprechen, ihm das Projekt erläutern und das Rohbild zeigen und ihn um Zustimmung zu Aufnahme und Verwertung bitten. So lief es bei besagtem Bild.

Wenn sich hierbei eine Absage durch den Abgebildeten abzeichnet, dann müssen und können wir dies wohl hinnehmen – eine interessante Szene zu verpassen, ist immer schade, aber kein Beinbruch; statt sich in der verlorenen Gelegenheit festzubeißen, empfiehlt es sich eher, den ´fotografischen Flow´ aufrechtzuerhalten und weiter zu flanieren. Streetfotografie sollte nach meinem Dafürhalten immer in respektvoller, behutsamer und meditativer Weise erfolgen. Geradezu angewidert stolpere ich bisweilen über die ´Überrumpelungsfotos eines gewissen Bruce Gilden´, der kurz vor seinen Opfern einschert und diesen frech ins Gesicht blitzt.

3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe

Die Verwendung von Bewegungsunschärfe ist ein recht interessanter Ansatz in der Streetfotografie – gemeint ist damit ein Verwischen der sich bewegenden Passanten vor einem feststehenden Hintergrund. Gemieden werden dadurch zunächst die Fallstricke der Persönlichkeitsrechte (siehe dazu auch Punkt 2.1) durch die Nichterkennbarkeit der Abgebildeten, desgleichen aber auch jene Fallstricke der Porträtierung, Dokumentation und bisweilen auch der Trivialität durch die Unkonventionalität der Darstellung (siehe dazu auch Punkte 2.2 bis 2.4).

Man mag sich fragen, ob ein ´spontanes Straßenporträt´ mit bewegungsunscharfen Passanten in künstlerisch-gestalterischer Hinsicht überhaupt möglich ist. Ich meine: ja. Freilich rückt die Abbildung des Einzelnen, seiner unverkennbaren Züge, seines augenblicklichen Ausdrucks, auf solche Weise in den Hintergrund, doch treten dafür atmosphärische Qualitäten im Sinne eines ´was macht die Umgebung mit dem Einzelnen´ in den Vordergrund. Hinzu kommt ein kreatives Moment der Überraschung dahingehend, daß wir selbst das fertige Ergebnis von vornherein schwer erahnen können.

Einige sich daraus ergebende Möglichkeiten möchte ich anhand von zwei Bildern aus meinem Portfolio verdeutlichen.

Abb. 14: ´Liebespaar in der Unterführung´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 14: ´Liebespaar in der Unterführung´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Beim ´Liebespaar in der Unterführung´ (siehe dazu auch Abbildung 14) entstand die Verwischung durch eine Belichtungszeit von 0,3 Sekunden. Ein Bildstabilisator wurde nicht verwendet, so daß nicht nur die Personen, sondern auch die Umgebung mitsamt der Lichtreflexe in Unschärfe fallen. Ich verstärkte diesen Effekt sogar noch durch eine Seitwärtsbewegung der Kamera.

Was mich vom Ergebnis her ansprach, war das verspielte, tänzerische Element der Personen und der Lichtreflexe. Es erschien wie eine bildgewordenen Entsprechung des jungen Glücks.

Abb. 15: ´Junge Frau am Straßenausgang´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 15: ´Junge Frau am Straßenausgang´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Ganz anders die ´Junge Frau am Straßenausgang´ (siehe dazu auch Abbildung 15), die in der gleichen Sitzung und nur wenig vom Ort des vorherigen Bildes aufgenommen wurde.

Hier ist nichts Leichtes, Spielerisches mehr vorhanden. Die durch eine Belichtungszeit von ebenfalls 0,3 Sekunden entstandene Bewegungsunschärfe wirkt vielmehr düster und bedrohlich, verstärkt durch den im Hintergrund vorbeibrausenden Lastwagen und den wie zum Schutz eingezogenen Kopf der jungen Frau. Der Bildstabilisator war hier übrigens eingeschaltet, so daß die Wände der Unterführung klare Zeichnung aufwiesen..

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

Leserfoto – „Perlensammler“:
Mehr Struktur

Auf das Minimalste reduzierte Pflanzenfotos sollten dem Betrachter interessante Details bieten.

(c) Stephan Wink

(c) Stephan Wink

Entstanden in den Reisinger Anlagen Wiesbaden. Leider erinnere ich mich nicht mehr an die Pflanzenart. Das Blatt schien mir geradezu den am Morgen gesammelten Tau als Perle anzubieten.
Leichte Nachbearbeitung (Spot Removal, Hochpassfilter) in Photoshop CS6.
Canon EOS 600D, 55 mm Brennweite, f/5,6, 1/20 s, ISO 100, mit Kamera-Blitz

Viele Leute machen bei Pflanzen- oder Blumenbildern den Fehler, dieselben bei hellem Tageslicht und von oben zu fotografieren. Das Ergebnis sind blasse Farben, häßliche Schatten und Motive, die man so überall sieht. Das hast Du alles hier vermieden, doch es gibt ein paar andere Dinge, die auffallen.

Doch zunächst zu Deinem Foto selbst:

In Deiner Einreichung schreibst Du, der Tau in der Mitte des Blattes habe Dich fasziniert. Man sieht auf der Aufnahme ein Blatt einer auch mir unbekannten Pflanzenart vor grünem Hintergrund, dazu den Tautropfen.

Du hast dieses Blatt unter eher ungünstigen Lichtverhältnissen ohne Stativ fotografiert. Deiner Kamera hast Du alle Entscheidungen überlassen. Das von Dir benutzte Objektiv ist eine „Kit-“Linse, die gerne mit Canon-Modellen geliefert wird. Es ist allerdings kein wirkliches Makroobjektiv, und man kann minimal an sein Objekt auf 25 cm heran.

Zur Komposition ist anzumerken, daß der Tautropfen sich weder im Goldenen Schnitt (rosa) befindet, noch die Regel der Drittel (blau) hier greift. Er ist vielmehr stark nach unten und zur Mitte hin verschoben:

Goldener Schnitt/Drittel

Goldener Schnitt/Drittel

Der Tautropfen ist außerdem, verglichen zum Blatt selbst, nur ein kleiner Teil des Bildes:

Gewichtung

Gewichtung

Da er sich durch seine Helligkeit und Struktur so sehr vom Untergrund abhebt, und weil er eben nicht im Goldenen Schnitt oder einem Drittel angelegt ist, fällt es für mich hier nicht ins Gewicht – im Gegenteil, der Betrachter wird gezwungen, sich das Foto wirklich anzuschauen.

Hättest Du einen wesentlich kleineren Ausschnitt gewählt, es wäre ein vollkommen anderes Foto:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Worauf ich mich konzentrieren möchte sind erstens die Bedingungen, unter denen die Aufnahme entstanden ist, und was man an ihr in der Nachbearbeitung noch hätte verbessern können.

Makroaufnahmen sollte man grundsätzlich mit Stativ bei ISO 100 und im Manuellmodus machen. Es empfiehlt sich, ein dediziertes Makroobjektiv zu benutzen, oder auf Objektivverlängerungen und dergleichen zurückzugreifen. Du hattest hier Glück, und es kam ein passables Foto dabei heraus, aber es sieht auch bei der mir vorliegenden Auflösung leicht unscharf aus.

Du schreibst auch, es sei „leicht“ nachbearbeitet worden – und das sieht man. Ein helles weißes Oval unten in der Mitte, alles sonst ist grün auf grün. Es gibt nicht genügend Details in diesem Bild, die es interessant machen. Das Motiv ist so stark reduziert, daß Du in der Nachbearbeitung etwas mehr herausholen mußt.

Weiterhin sind links oben und unten störende Elemente in der Aufnahme:

Problemzonen

Problemzonen

Wo rechts alles schön verschwommen ist, sieht man dort Blattteile. Diese kann man jedoch leicht wegstempeln oder andere Bildteile darüberlegen.

Wenn mich an einem Foto Dinge stören, gehe ich nach einem „Was wäre, wenn“-Verfahren vor. Ich „spiele“ mit der Aufnahme und ändere, was mich zu stören scheint. Wenn es das Bild verbessert, hätte man diesen Schritt machen sollen. Andernfalls kann man es nicht ändern, oder es war eine Entscheidung, die ich bereits bei der Aufnahme anders getroffen hätte.

Hier habe ich Dein Foto in Nik Color Efex Pro nachbearbeitet, denn das Blatt hebt sich vom fast gleichfarbigen Hintergrund trotz Vignette nicht ausreichend ab. Erst habe ich die Farbstimmung und den dynamischen Kontrast bezogen nur auf das Blatt verändert, dann den tonalen Kontrast insgesamt angehoben und diese Ebene auf 50% Deckkraft über dem Original reduziert.

Als letzten Schritt habe ich die beiden störenden Teile weggestempelt (zugegebenermaßen eher salopp). Das Endergebnis ist farblich vielen wahrscheinlich zu extrem, soll aber nur illustrieren, was noch in diesem Foto steckt, wenn man sich etwas damit beschäftigt:

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Es ist nur eine der vielen Möglichkeiten der Nachbearbeitung. Ob und was Du schlußendlich noch daraus machst, hängt von Dir ab.

 

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (3)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung

Nicht um das große Ganze eines die gesamte Aufnahme in Frage stellenden ´Erlaubt oder nicht´ wie im vorangehenden Kapitel soll es hier gehen, sondern um subtilere Fragen der stilistischen Abgrenzung und Zuordnung.

Wie schon in meinem Tutorial zur Porträtfotografie dargestellt, können wir Menschen auf vielerlei Möglichkeiten darstellen – beginnend beim extremen Nahporträt mit Detail- oder Anschnittdarstellung und endend beim weitgefaßten Porträt mit maßgeblicher Einbeziehung der Umgebung.

Wenn man von künstlich ausgeleuchteten Studioaufnahmen vom neutralem Hintergrund absieht, ist ´ein wenig Umgebung´ bei den meisten Menschenbildern vorhanden. Die Unterscheidung zwischen Porträt und Street ergibt sich darüber, wieviel Einfluß Hintergrund und Umgebung auf die Gesamtwirkung des Bildes nehmen. Ich will dies nachstehend an einigen Bildern weiter erläutern.

Abb. 7: ´Am Zuge´ (Quelle: Dirk Wenzel, undatiert)

Abb. 7: ´Am Zuge´ (Quelle: Dirk Wenzel, undatiert)

Beim Bild von Dirk Wenzel, welches wir im September 2013 hier besprochen hatten (siehe dazu auch Abbildung 7) erscheint die Sache relativ klar. Wir sehen ein klassisches (und wie ich meine, auch sehr anmutiges) Porträt eines älteren Mannes. Die Umgebung gibt sich hier im Sinne eines etwas rustikalen oder auch düsteren Hintergrundes zu erkennen. Solche Skizzierung des Zimmers drängt sich von der Bildgewichtung her aber nicht in den Vordergrund, sondern verstärkt und ergänzt unsere Überlegungen und Empfindungen hinsichtlich des Porträtierten. Bei aller Freiheit der individuellen Betrachtung möchte ich doch annehmen, daß die meisten von uns hier einen vom Leben gezeichneten und recht mitgenommenen Menschen erkennen.

Abb. 8: ´Bettler im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 8: ´Bettler im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Schwieriger wird es nach meinem Dafürhalten schon bei der Porträtierung eines Bettlers (siehe dazu auch Abbildung 8). Der Abgebildete nimmt trotz Ganzkörperdarstellung nicht einmal ein Viertel der Bildfläche ein und entsprechend prominent ist das umgebende historische Mauerwerk. Doch scheue ich mich, hier bereits von Streetfotografie zu sprechen und ordne die Aufnahme der Sparte des Umgebungsporträts zu – der Hintergrund ist hier immer noch Beiwerk, mit der betonten Senkrechten und dem hohen Kontrast trägt er mehr in kompositorischer und dramaturgischer Weise zur Bildaussage bei (als ´Die im Dunkeln sieht man nicht´ wurde es in verschiedenen Bildbesprechungen paraphrasiert) denn in inhaltlicher Hinsicht.

Abb. 9: ´Alte Frau im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 9: ´Alte Frau im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Klarer erscheinen die Verhältnisse wieder bei der Straßendarstellung einer alten Frau (siehe dazu auch Abbildung 9). Man beachte die Bildgewichtung zwischen der Abgebildeten und der Umgebung insofern, als kein Teil nur als Beiwerk erscheint, sondern sich im Dialog mit seinem Gegenstück befindet und insofern eine eigenständige Betrachtung verdient. So ist die Person zwar alsbald im linken unteren Quadranten erkennbar, aber durch ihre kleine und verschattete Darstellung sowie den auf Straßenflucht und Kirchenfassade gerichteten Blick wird auch unsere Betrachtung unweigerlich in Richtung des historischen Ensembles und die atmosphärischen Qualitäten einer französischen Stadt gelenkt.

2.3 Beschränkung auf Dokumentation

Auch dokumentarische Zwecke sind in der Fotografie seit langem bekannt und legitim.

Wir kennen etwa die nüchterne Katalogisierung eines Objektbestandes zu Präsentations- oder Verkaufszwecken oder auch den Beleg einer irgendwann stattgefundenen Veranstaltung sowie eines irgendwo eingetroffenen Politikers zu Pressezwecken. Doch wohnt solchen Bildern selten eine über Bestand und Augenblick hinausreichende Aussage inne. Alles ist übersichtlich und vorhanden, nichts muß gedeutet werden, der Betrachter wird insofern auch kaum zur ´eigenen Durchwanderung des Bildes´ eingeladen.

Vor dem Hintergrund solch sinnvoller Unterscheidung und Abgrenzung kann ich mich der nachfolgenden Definition der Dokumentarfotografie bei Wikipedia nicht recht anschließen. In der dortigen Formulierung sehe ich eher eine Verschleierung wie eine Klärung der Begrifflichkeit: “Die Dokumentarfotografie ist eine Art des Fotografierens, deren Motivation es ist, ein fotografisches Dokument herzustellen, das für das Festhalten der Realität, als Zeit-Dokument, als Appell oder auch Warnung genutzt werden soll. Diese fotografischen Dokumente stellen dabei jedoch keine objektive, sondern eine subjektive oder ideologische Betrachtung zumeist mit sozialkritischem Hintergrund dar … Der Begriff ´Dokumentarfotografie´ wurde in den USA der 1930er Jahre im Zusammenhang mit der Großen Depression geprägt. Der Wert von Dokumentarfotografie liegt zumeist in der über die reine Wiedergabe des Realen hinaus weisenden sozialkritischen Bestandsaufnahme …

2.4 Gefahr der Trivialität

Wie bei den vorgenannten Punkten 2.2 und 2.3 geht es auch hier nicht um ´alles oder nichts´, also nicht um eine unrechtmäßige und möglicherweise strafwürdige Aufnahme und Verwertung wie im Punkt 2.1.

Abb. 10: ´Moderne Hof-Pflastersteine´ (Quelle: Rainer Sturm / Pixelio, 2014)

Abb. 10: ´Moderne Hof-Pflastersteine´ (Quelle: Rainer Sturm / Pixelio, 2014)

Es geht vielmehr um fehlende Bildwirkung oder (genauer ausgedrückt) um eine solche, die nur aufgrund der persönlichen Vorstellung des Aufnehmenden existiert (siehe dazu auch Abbildung 10). Wir sind hier also beim klassischen Erinnerungsbild oder Schnappschuß angekommen.

Und manche von uns erinnern sich vielleicht noch mit mühsam überstandenem Gruseln an jene ´Diaabende unter Freunden´, bei denen der Vorführende schier unermüdlich und in wachsender Begeisterung ein Magazin nach dem anderen einschob, während das geneigte Publikum wahlweise wegschnarchte oder schon die Flucht ergriffen hatte.

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

So kommen Ihre Fotos in Broschüren zur Geltung

aufgeschlagene Zeitschrift liegt auf Tisch

© Henry Schmitt – Fotolia.com

Trotz Blogs, E-Mails und Newsletter haben Werbemittel wie Flyer und Broschüren nach wie vor einen festen Platz im Repertoire von Marketingspezialisten. Anders als flüchtige Medien wie Bilder, Texte oder Videos im Internet sorgen Druckerzeugnisse für einen bleibenden Eindruck und überzeugen durch ein Zusammenspiel von Text und Bild. Am PC mit gängigen Software-Lösungen wie InDesign oder Photoshop erstellt, lassen sich Broschüren leicht und kostengünstig vervielfältigen. Nicht immer entspricht das Druckergebnis später jedoch dem Vorbild auf dem Monitor. Erfahren Sie hier, was Sie bei Digitaldrucken beachten sollten.

Vom Bildschirm zum Druck

Bilder vom Monitor zu Papier zu bringen ist schwieriger als man denkt. Nicht nur der Drucker, sondern auch der Bildschirm hat einen großen Einfluss auf das Druckergebnis und sorgt nicht selten für negative Überraschungen. Gängige Monitore mit TN-Panel reichen in der Regel nicht aus, um Fotos qualitativ verlässlich einzuschätzen. Gerade günstige Geräte sind oft nicht blickwinkelstabil. Hier variiert die Farbwahrnehmung je nach Sitzposition. Ausdrucke weichen in diesem Fall mitunter stark von der Darstellung auf dem Bildschirm ab. Einen größeren Blickwinkel und damit auch mehr Farbtreue weisen hingegen Monitore mit IPS-Panel auf. Diese sind im Handel bereits für weniger als 200 Euro erhältlich.

Von RGB zu CMYK

Für eine optimale Bildqualität sollten Kamera, Monitor und Drucker in jedem Fall auf denselben Farbraumstandard eingestellt werden. Das gängigste Farbprofil für Digitalkameras heißt Standard RGB (sRGB) und wurde gemeinsam von HP und Microsoft für die Anwendung im Internet entwickelt. Der gewünschte Farbraumstandard lässt sich in der Regel in der Geräteeinstellung festlegen. Gute Bildbearbeitungsprogramme weisen zudem ein Druckmodul auf, das Farbprofile managen kann. Wird ein externer Druckservice wie xposeprint in Anspruch genommen, sollten Fotografen sich vom Anbieter hinsichtlich des Farbmanagements beraten lassen. Damit der Offsetdruck der Druckausgabe die Farben eines Digitalfotos möglichst so anzeigt, wie die Kamera sie aufgenommen hat, müssen die Bild-Daten aus dem geräteabhängigen sRGB-Farbraum in den CMYK-Farbraum des Druckers konvertiert werden.

Eigener Bildblog oder Social Media?

Will man sein Fotos nicht ausschließlich in Fotoblogs wie hier präsentieren und besprechen lassen, kommt man nicht um andere Wege herum, seine Bilder zu publizieren. Viele Fotografen und Künstler haben eine Facebook-Seite, doch dort besteht folgendes Problem: Facebook verkleinert die Fotos und verstümmelt sie derartig, dass man von einer ernsthaften Präsentation nicht sprechen kann. Außerdem macht der blauweiße Hintergrund das Betrachten nicht gerade angenehm. Facebook ist also nicht mehr als eine Möglichkeit, auf eine andere Seite hinzuweisen und sollte keineswegs als einziges Medium genutzt werden.

Ebenfalls relativ beschränkend, aber schon wesentlich offener als Facebook ist Tumblr. Die Blogplattform, die auch soziale Komponenten bietet, zeigt Fotos in wesentlich höherer Qualität an. Zudem ist die eigene Seite stark mit Design-Themen und über HTML konfigurierbar. Es ist sogar möglich, seinen Account über eine eigene Domain laufen zu lassen. Neben der Tatsache, dass man auch hier nicht die volle Freiheit genießt, hat Tumblr aber noch einen anderen großen Nachteil: Wird das eingestellte Foto über die soziale Komponente des “Reblogs” von einem anderen Nutzer geteilt, bleibt das Bild bei dem anderen User im Netz, selbst wenn man es von seiner eigenen Seite entfernt hat. Durch die Einfachheit dieses Rebloggens verbreiten sich gute Fotos einerseits sehr schnell. Andererseits ist es dadurch auch fast unmöglich, ein einmal gepostetes Bild gänzlich zu entfernen, falls man dies wünscht. Natürlich ist ein Im Internet gepostetes Bild unabhängig vom gewählten Medium generell schwer zu entfernen, aber bei Tumblr wird dies noch erschwert.

Life is Tumblr Bilder verbreiten sich auf Tumblr rasend schnell

Eigene Seite für volle Kontrolle unumgänglich

Wer die volle Kontrolle über Bildverbreitung und Design haben möchte, der muss eine eigenständige Website aufbauen. Entweder man arbeitet sich in die Technik von beispielsweise WordPress ein und mietet sich Webspace, oder man realisiert sein Projekt mit solchen Komplettlösungen. Dank bestehender Vorlagen ist dieses System deutlich einfacher zu handhaben als WordPress. Letzterers bietet allerdings einige Möglichkeiten mehr. Will man direkt starten, ist die Einrichtung der Fertiglösung sinnvoll. Bei Bedarf kann man sich immer noch später mit WordPress beschäftigen und es in einer Testumgebung ausprobieren. Ein späterer Umzug ist mit entsprechenden Werkzeugen jederzeit möglich. In beiden Fällen ist allerdings auf ausreichend Webspace zu achten, da Bilder in ordentlicher Web-Auflösung relativ viel Platz in Anspruch nehmen.

Bildrechte: Flickr Life is Tumblr Romain Toornier CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (2)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

2. Bekannte Fallstricke

2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten

Ich möchte diesen Abschnitt mit dem Hinweis beginnen, daß ich kein Jurist bin und insofern keine rechtsverbindlichen Auskünfte geben kann. Die nachfolgenden Ausführungen sind stattdessen Erkenntnisse und Ableitungen, wie ich sie als professioneller Fotograf tagtäglich für eine rechtskonforme Tätigkeit benötige und hier entsprechend wiedergeben möchte.

Gesetze und Verordnungen lassen sich als ´niedergeschriebenes Regelwerk des Zusammenlebens´ auffassen. Als solches fallen diese nicht vom Himmel und stammen nicht aus den Urgründen der Zeit, sondern entstehen in Demokratien im Zuge gesellschaftlicher Meinungs- und Kompromißbildung, in Diktaturen hingegen im Rahmen des Machtprivilegs.

Ein solches Regelwerk ist naturgemäß eine zwiespältige Angelegenheit – auf mehrere Personen verteilt ist ‘des einen Freud’ (oder Vorteil) des anderen Leid’ (oder Nachteil); auf einen Einzelnen bezogen bietet es einerseits Schutz vor nicht regelkonformen Ansprüchen anderer bzw. der Gemeinschaft, fordert aber andererseits auch Beachtungspflichten ein, deren Vernachlässigung wiederum sanktioniert sind.

Abb. 3: ´Paragraphen, Paragraphen´ (Quelle: Diverse)

Abb. 3: ´Paragraphen, Paragraphen´ (Quelle: Diverse)

Für unsere fotografischen Zwecke und insbesondere für das Thema dieses Tutorials müssen wir uns in erster Linie mit dem Persönlichkeitsrecht und deren juristischer Konkretisierung in sogenannten Fallgruppen der ‘informationellen Selbstbestimmung’, hier wiederum vor allem mit dem ‘Recht am eigenen Bild’ befassen (siehe dazu auch Abbildung 3).

Ich darf dazu mit den Verhältnissen in Deutschland anfangen – gewiß nicht, weil ich dieses anderen Ländern vorzöge (über Frankreich etwa als ´Land meiner Sehnsucht und wiederholter Fotoexkursionen´ hatte ich in Besprechungen und Diskussionen ja schon verschiedentlich berichtet), sondern schlichtweg, weil mir die Verhältnisse in meinem Heimatland am besten vertraut sind.

Maßgeblich für Deutschland ist der § 22 KunstUrhG (Kunsturheberrechtsgesetz vom 09.01.1907): “Bildnisse dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. Die Einwilligung gilt im Zweifel als erteilt, wenn der Abgebildete dafür, dass er sich abbilden ließ, eine Entlohnung erhielt …“. Der § 23 KunstUrhG zählt die zulässigen Ausnahmen auf: “(1) Ohne die nach § 22 erforderliche Einwilligung dürfen verbreitet und zur Schau gestellt werden: 1. Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte; 2. Bilder, auf denen die Personen nur als Beiwerk neben einer Landschaft oder sonstigen Örtlichkeit erscheinen; 3. Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen, an denen die dargestellten Personen teilgenommen haben; 4. Bildnisse, die nicht auf Bestellung angefertigt sind, sofern die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient …” § 33 KunstUrhG steckt den Strafrahmen ab: “(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer entgegen den §§ 22, 23 ein Bildnis verbreitet oder öffentlich zur Schau stellt …

Bilder von ´absoluten und relativen (also dauerhaft oder vorübergehend im Blickfeld der Öffentlichkeit stehenden) Personen der Zeitgeschichte´ (siehe Ziffer 1) sind demnach erlaubt. Deren Privatsphäre bleibt freilich unantastbar, wie etwa der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in seinem Urteil vom 24. Juni 2004 feststellte. Ein ähnlicher Schutz gilt für normale Personen auf Basis des § 201a StGB (Strafgesetzbuch): “Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft, wer (1) von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, unbefugt Bildaufnahmen herstellt oder überträgt und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt. (2) Ebenso wird bestraft, wer eine durch eine Tat nach Absatz 1 hergestellte Bildaufnahme gebraucht oder einem Dritten zugänglich macht. (3) Wer eine befugt hergestellte Bildaufnahme von einer anderen Person, die sich in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum befindet, wissentlich unbefugt einem Dritten zugänglich macht und dadurch deren höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.” Das Bemerkenswerte daran ist, daß hier bereits die unautorisierte Aufnahme, nicht erst deren Verbreitung unter Strafandrohung gerät.

Die ´Beiwerk- und Versammlungsregelungen´ (siehe Ziffern 2 und 3), die teilweise auch im § 57 UrhG (Urheberrechtsgesetz) behandelt werden, bieten zwar gewisse Freiräume der Personenabbildung, doch können im Zweifelsfall ungewisse Einzelfallentscheidungen vor Gericht drohen. Sofern einzelne Personen aus solchermaßen abgebildeten Gruppen herausreichen, gelten wieder die restriktiveren Bestimmungen. Die hier und da immer wieder einmal vorzufindenden ´Empfehlungen einer unbedenklichen Abbildung von Gruppen ab soundsoviel Personen´ sind schlichtweg falsch und können ganz gewiß nicht als Maxime einer rechtskonformen Fotografiepraxis empfohlen werden – siehe dazu auch eine anwaltliche Stellungsnahme im Internet, die auch wichtige Aussagen zur ´Konkludenz´ oder stillen Einwilligung zur Aufnahme beinhaltet.

Es bliebt noch der Begriff der ´Kunstfreiheit´ (siehe Ziffer 4) und die damit verbundene Hoffnung, daß die Fotografie im etwaigen Streitfall und vor Gericht als derart bedeutend und bahnbrechend anerkannt würde, um über die konkurrierenden Persönlichkeitsrechte zu obsiegen – allzu viel sollte man darauf freilich nicht geben; meines Wissens nach gab es in Deutschland noch kein maßgebliches Urteil, welches sich einer solchen Sichtweise bedient hätte.

Weniger fündig wurde ich in Hinblick auf eine eindeutige Rechtsauffassung in Österreich. Es heißt, daß das Recht am eigenen Bild in § 78 UrhG (Urheberrechtsgesetz), insbesondere in dessen Absatz 1, geregelt sei: “Bildnisse von Personen dürfen weder öffentlich ausgestellt noch auf eine andere Art, wodurch sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, verbreitet werden, wenn dadurch berechtigte Interessen des Abgebildeten oder, falls er gestorben ist, ohne die Veröffentlichung gestattet oder angeordnet zu haben, eines nahen Angehörigen verletzt würden.“ Zugleich sei es aber grundsätzlich weder verboten, ein Bild einer Person (sofern nicht minderjährig und bei schutzwürdigen Interessen) ohne deren Zustimmung zu schaffen, noch es zu verbreiten oder zu veröffentlichen. Andererseits habe sich der Oberste Gerichtshof 2013 dem deutschen BGH angeschlossen. Danach seien Fotoaufnahmen, auf denen der Abgebildete deutlich zu identifizieren ist, nun in der Regel nur mit Einwilligung des Abgebildeten zulässig.

Auch zur Situation in der Schweiz liegen mir leider nur wenige Quellen vor. Nach diesen entsprächen die einschlägigen Regelungen im Wesentlichen dem deutschen Recht. Zwar bedürfe eine Personenfotografie der Einwilligung des Abgebildeten, doch müsse zur Anfechtung einer Aufnahme eine spürbare Beeinträchtigung der abgebildeten Person nachzuweisen sein.

Soweit ich die Rechtssituation in Frankreich richtig überblicke, ist diese weniger determiniert. Zwar fand die Formulierung “chacun a droit au respect de sa vie privée” (Übersetzung: jeder hat ein Recht auf Respekt seiner Privatsphäre) Einzug im Art. 9 des Code civil, doch scheint andererseits das Recht am eigenen Bild noch keinen Einzug in das Zivilrecht gefunden zu haben. Einzelrichterlichen Abwägungen scheint insofern eine höhere Bedeutung zuzukommen. Nach einem mir bekannten Urteil wurde ein Schadensersatzanspruch einzig aufgrund des Unwillens des Aufgenommenen über ein nicht entstellendes Bild zurückgewiesen. Daraus ein generelles Fotografenrecht abzuleiten, schiene gleichwohl gewagt.

In England besteht nach mir vorliegenden Informationen bis heute kein Recht auf Schutz des Privatlebens (“right to privacy“) und auch kein Recht am eigenen Bild. Anfechtungen einer Aufnahme oder deren Verbreitung könnten nur im Rahmen nachgewiesener Belästigung, Ehr- oder Vertrauensverletzung erfolgen.

Maßgeblich für die Situation in den USA ist das Konstrukt der “reasonable expectation of privacy” (Übersetzung: angemessene Erwartung von Privatsphäre), welche Einzelnen einerseits einen schutzwürdigen Status in privaten bzw. nichtöffentlichen Bereichen verleiht, ihn andererseits in öffentlichen Bereichen der legitimen Möglichkeit des Aufgenommenwerdens aussetzt, sofern die Bilder eine gewisse Gestaltungshöhe erreichen und nicht nur kommerziellen Zwecken dienen. Einige Bekanntheit hat jener Prozeß erlangt, den Erno Nussenzweig, ein pensionierter Juwelenhändler chassidischen Glaubens gegen den Fotografen Philip-Lorca diCorcia anstrengte. Die Aufnahme erfolgte unbemerkt und ohne Einwilligung, was der Kläger mit weiterem Hinweis auf das für orthodoxe Juden zwingende Bilderverbot der Tora als unzulässigen Eingriff in seine Privatsphäre bezeichnete. Da der Kläger sich jedoch im öffentlichen Raum befand, war seinem Ansinnen kein Erfolg beschieden.

Abb. 4: ´Bratislava Bronze Paparazzo´ (Quelle: Benmil222 / Wikipedia CC, 2005)

Abb. 4: ´Bratislava Bronze Paparazzo´ (Quelle: Benmil222 / Wikipedia CC, 2005)

All dies klingt aus fotografischer Sicht teils recht einschränkend, teils ziemlich kompliziert. Gleichwohl sollten wir uns nicht darauf beschränken, über allzu strenge Gesetze und Verordnungen zu schimpfen, sondern auch einen Blick auf die ethische Dimension werfen. Die aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Kulturen her bekannte ´Goldene Regel´ mit ihren umgangssprachlichen Entsprechungen “Behandle andere so, wie Du von ihnen behandelt werden willst“ oder auch “Was Du nicht willst, daß man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu” weist hier den Weg: Würden wir uns selbst als Fotografen an Stelle des Abgebildeten in der vorgefundenen Weise abbilden lassen? Und selbst wenn wir vollständig überzeugt wären, den so Abgebildeten doch in würdiger und vorteilhafter Weise aufzunehmen: wer sagt uns, daß der so Abgebildete ähnlich denkt und empfindet wie wir (siehe dazu auch Abbildung 4)?

Abb. 5: ´ Berufskraftfahrer Max Mustermann´ (Quelle: Gemeinfrei)

Abb. 5: ´ Berufskraftfahrer Max Mustermann´ (Quelle: Gemeinfrei)

Abb. 6: ´Oberleutnant Erika Mustermann´ (Quelle: Gemeinfrei)

Abb. 6: ´Oberleutnant Erika Mustermann´ (Quelle: Gemeinfrei)

So mag sich etwa der Berufskraftfahrer Max Mustermann (siehe dazu auch Abbildung 5) auf unseren Bildern durchaus von seiner schönsten Seite zeigen und doch über eine Veröffentlichung auf Flickr nicht recht glücklich sein. Desgleichen nicht seine Ehefrau, Oberleutnant Erika Mustermann (siehe dazu auch Abbildung 6), die bisher davon ausging, daß er gerade mit einer verderblichen Lieferung auf der Straße und eben nicht in anderer Weise auf Lieschen Müller (ohne Abbildung) unterwegs wäre, wie unser Bild akkurat aufzeigt. Partnerschaftliche Kollateralschäden sind in dieser Konstellation nicht auszuschließen.

 

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

Tutorial:
Fallstricke und Lösungsansätze in der Streetfotografie (1)

Gedanken zu einem schwierigen und auch umstrittenen Thema. Ein siebenteiliges Aufbaututorial mit 25 Bildbeispielen und Illustrationen.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Bekannte Fallstricke
2.1 Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten
2.2 Vorrangigkeit der Porträtierung
2.3 Beschränkung auf Dokumentation
2.4 Gefahr der Trivialität
3. Mögliche Lösungsansätze
3.1 Zustimmung der Abgebildeten
3.2 Verwendung von Bewegungsunschärfe
3.3 Abdunklungseffekte, Film-noir-Eindruck
3.4 Nutzung von Scherenschnitten
3.5 Kleinheit der Abgebildeten
3.6 Anschnitte und Abstraktion
3.7 Exkurs: Streetfotografie mit dem Lensbaby
4. Zusammenfassung und Schlußbemerkung
Bisherige Tutorials des Autors

 

***

1. Einführung in das Thema

Die Verwirrung fängt, wenn man so will, bereits beim Begriff an: wohl mag sich hierzulande die Bezeichnung ‘Streetfotografie’ etabliert haben, eigentlich ist sie aber eine Chimäre aus der deutschsprachigen ‘Straßenfotografie’ und der englischsprachigen ‘street photography’.

Die Faszination der Streetfotografie ist unbestritten, doch scheint sich diese in ihrem Wesen und ihrer Wirkung nicht leicht in Worte bringen zu lassen. Der von Henri Cartier-Bresson (1908 bis 2004) verwendete Begriff des ´instant décisif´, ´decisive moment´ bzw. ´entscheidenden Augenblicks´ bietet hierzu, wie ich meine, weiterhin eine gute Brücke, doch keine letztgültige Klärung. Es resultieren daraus weitere Fragen, etwa jene, was denn nun in einem bestimmten Augenblick entscheidend sein solle.

Abb. 1: ´Ohne Titel´ (Quelle: Sofie Dittmann, undatiert)

Abb. 1: ´Ohne Titel´ (Quelle: Sofie Dittmann, undatiert)

Viele Antworten sind hier denkbar und jeder sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigende Fotograf wird wohl seine ganz eigene Formulierung finden müssen. Auch unsere Autorin Sofie Dittmann hatte sich in ihrer ´Einführung in die Street Fotografie/Straßenfotografie´ (siehe dazu auch Abbildung 1) an einer Definition versucht. So schrieb sie im August 2012: “Street Fotografie oder Straßenfotografie ist eine Art Dokumentarfotografie, die eine Zen-ähnliche Vertrautheit mit den dargestellten Motiven verrät, auf die der Fotograf an öffentlichen Plätzen, wie etwa Straßen, Parks oder Einkaufszentren, instinktiv reagiert hat. Dabei steht nicht technische Perfektion im Vordergrund, sondern es gilt, die Szene so festzuhalten, daß das Foto das Wesentliche von Ort und Zeit wiedergibt.”

Solch eine Bindung der Streetfotografie an Stadtlandschaften läßt sich leichthin nachvollziehen, desgleichen ein meditativer Ansatz im Sinne eines ´suche nicht, und Du wirst finden´, mithin also ein ´gefühlsbetontes und sinnesgeschärftes Flanierens durch die vorgefundene Szenerie´. Ansonsten neige ich selbst zu einer anderen Auffassung dahingehend, daß es bei der Streetfotografie weder um reine Dokumentation oder Porträtierung geht und daß auch die aufnahmetechnischen und kompositorisch-dramaturgischen Aspekte nicht allzu sehr vernachlässigt werden dürfen. Stattdessen geht es (positiv formuliert) um die ´mit einer gewissen Gestaltungshöhe einhergehende Auswahl und Verdichtung einer spontanen Straßenszene, die Herausnahme des Gesehenen aus der Profanität des Alltags und die Übersetzung in Richtung einer die Situation und den Augenblick überdauernden Bildaussage´.

Abb. 2: ´Vater und Tochter im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Abb. 2: ´Vater und Tochter im touristischen Carcassonne´ (Quelle: Eigenes Portfolio, 2009)

Dies möchte ich gerne anhand meines Bildes ´Vater und Tochter im touristischen Carcassonne´ (siehe dazu auch Abbildung 2) erläutern.
In dieser Szene fand ich also ganz verschiedene Spannungsbögen erwähnt und Elemente verdichtet: jene besondere Innigkeit und gemeinsame Versunkenheit der Abgebildeten vor dem Hintergrund historischer Mauern, der Einnahme eines Picknicks und der Lektüre eines Führers; des weiteren die quasi stillstehende Zeit, in der Vater und Tochter so unbedingt verbunden sind, so daß sie wie in einer Kapsel der Vertrautheit gegen alles Äußere gefeit wirken; der touristische Kontext findet sich in diesem Zusammenhang nicht explizit erwähnt, sondern wird in der Umgebung und im Tun der Abgebildeten nur angedeutet.

Soweit mein Beitrag zu einer Begriffsbestimmung der Streetfotografie. Nun soll es aber in diesem Tutorial schwerpunktmäßig um bekannte Fallstricke und alternative Lösungsansätze gehen, und darauf möchte ich nun in den folgenden Abschnitten näher eingehen.

***

Soweit in der heutigen Folge. Die nächste Folge dieses Tutorials erscheint in der kommenden Woche.

Leserfoto:
Heitere Skurrilität

Ein ‘etwas anderes Landschaftsbild’, gewürzt mit subtilem Regelbruch möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen.

Überblick
Einleitung
Beschreibung
Zusammenfassung
Bildteil (7 Bilder)

Ausgangsbild

Ausgangsbild

***

Unser Leser Markus Aatz aus dem hessischen Oberursel (Taunus) hat uns das obige Bild unter dem Titel „Mohn und Silage RGB” in der Kategorie ‘Landschaftsfotografie’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo, angeregt durch das Mohn Bild letztens, möchte ich mein Mohn Bild in den Ring werfen. Ich bin gerne mit der Kamera in der Landschaft und auf Feldern unterwegs, auf der Suche nach interessanten Motiven. Ich denke daß ich hier eine schöne Situation eingefangen habe. Mir gefallen die Farben (das Bild ist eins meiner ‘RGB’ Serie), und die Komposition, durch die Silage Ballen entsteht fast eine surreale Atmosphäre. Was meint ihr dazu?”

Zur Aufnahme wurde die 2010 eingeführte APS-C-Kamera Canon EOS 60D mit Zoomobjektiv Canon EF-S 10-22mm f/3.5-4.5 USM verwendet. Die Brennweite betrug 13,0 mm (entsprechend 20,8 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,6), die Belichtungsdaten unter Blitzbedingungen waren 1/125 Sekunde bei Blende f/10,0 und ISO 100.

***

Sofern wir bei diesen Bildbesprechungen ‘gemeinsam um Erkenntnis ringen’ wollten, wäre ich ganz bei Markus. Zu einem Kampf, wie es die Phantasie des ‘in den Ring Werfens’ nahelegt, müßte es aber nicht ausarten … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder):

Als Blickfang dieses ganz offensichtlich von Bodennähe aus aufgenommenen Bildes fungiert eine im rechten unteren Viertel fußende, farblich und tonal deutlich hervorgehobene Klatschmohngruppe mit dem Blütenstand im Goldenen Schnitt.

Deren Strukturen sind teils direkt erkennbar, teils überlagert (durchgezogene und punktierte rote Linien ebd.).

Diese Gruppe wird besonders auf der linken, angedeutet auch auf der rechten Seite von Lichtreflexen bzw. Spitzlichtern der folienverpackten Heuballen flankiert (orange Linien ebd.).

Besagte Heuballen ziehen, sich dabei im Sinne eines Kulissenphänomens überlappend, fast bis zum oberen Bildrand (gelbe Linien ebd.).

Den oberen Bildabschluß stellt ein reizvoll mit Wolken aufgelockerter Himmel dar (blaue Linien ebd.).

Die Blickführung ergibt sich zwanglos im Sinne eines Bildeinstiegs bei den Lichtreflexen links unten und einem Schwenk nach rechts zur Klatschmohngruppe, um dann der Stafette der Heuballen nach oben zu folgen und im Himmel zu enden (violetter Pfeil ebd.).

Ein Aspekt, den ich hier kurz ansprechen möchte (ich komme bei den Townerten nochmals darauf zurück), ist das am differenten Schattenwurf erkennbare Vorhandensein von zwei Lichtquellen – einem Kunstlicht, welches von links unten und einem natürlichen Licht, welches von rechts oben hereinscheint (grüne Pfeile ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich etwas rechtsversetzt und minimal zweigipflig bei einem Median von knapp 145. Die angedeuteten Peaks im extrem linken und rechten Tonwertbereich sollten nicht mit klassischen Tonwertabbrüchen verwechselt werden, sie sind stattdessen Ausdruck der (roten) Reinfarbigkeit.

Bei der Visualisierung der Zoneneinteilung folge ich wiederum folgendem Schema: große Schrift – großer lokaler Kontrastumfang; kleine Schrift: kleiner lokaler Kontrastumfang; rote Farbe – Schatten; orange Schrift – Mitten; gelbe Schrift – Lichter …

Wie schon angedeutet, taugt die Klatschmohngruppe durch ihre kontrastreiche Zeichnung in den Zonen I bis IX ganz unzweifelhaft zum Motivzentrum.

Angenehm zurückhaltend beläuft sich an dieser Stelle der flankierende Heuballen in den Zonen IV bis VI.

Reizvoll ist ferner die subtile Staffelung der Heuballen zur Höhe hin – der Mittelgrund tritt mit den Zonen VI bis VIII gegenüber dem Vordergrund in den Zonen VI bis VIII zurück, was als ‘Räumlichkeitseindruck durch Kontrastverlauf’ bezeichnet werden kann.

An dieser Stelle möchte ich noch auf die ‘Posterisation als ergänzendes Hilfsmittel der Bildanalyse‘ zurückgreifen.

Die massive Einschränkung der Ton- und Farbwerte in der untenstehenden Abbildung erschafft nicht nur ein ganz irreales Bild, sondern soll vor allem den Blick für bestimmte Bildgegebenheiten schärfen – hier eben die Blitzartefakte im Sinne unnatürlicher Lichtreflexe auf den Folien (1 ebd.) sowie die enorme Farbdichte auf den Klatschmohnblüten im Sinne eines streckenweise ‘ausblutenden Rottons’ (2 ebd.).

Farben:

Die gebrochenen Grüntöne des vorderen Heuballen treten in einen reizvollen Komplementär- und Farbdichtekonstrast mit den reinroten Tönen der Klatschmohngruppe.

In der oberen Bildhälfte dominieren minimal blaßrosa Töne in den oberen Heuballen und kräftige Blautöne im Himmel.

***

Zusammenfassung:

Thomas Brotzler

  Thomas Brotzler

Von Seiten der sehr eingängigen Komposition und Blickführung, der mit geringen Abstrichen ausgewogenen Ton- und Farbgebung sowie der sehr heiteren Anmutung kann ich Markus’ Arbeit nur loben.

Ich hatte auf die Problematik der zwei Lichtquellen hingewiesen. Doch mittels einer konventionellen Aufnahme ohne Blitz hätte der Klatschmohn zweifellos nicht derart zur Geltung kommen können wie hier im Bild.

Von der Verwendung des Kunstlichtes rühren dann natürlich auch die unnatürlich anmutenden Lichtreflexe auf der Folie her. Gleichwohl erscheinen auch diese akzeptabel, da sie den Blickeinstieg links unten und die Blickführung nach rechts oben unterstützen.

Ein kritischer Punkt ist auch die enorme Farbigkeit im Bereich der Blüten (‘ausblutendes Rot’), doch ist auch dies vertretbar im Sinne eines ‘Farbdichtekontrastes’.

Die Aufnahme kann aus diesen Abwägungen auch als gelungenes ‘Beispiel für kalkulierten und subtilen Regelbruch’ aufgefaßt werden.

Ganz kann ich meine Leidenschaft für die Schwarzweißfotografie nicht verleugnen, so daß ich für ‘Liebhaber des Monochromen’ und außer Konkurrenz noch eine entsprechende Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) vorstellen möchte – bitte nicht zu verwechseln mit der simplen Graustufenumwandlung in den Illustrationen des Analyseteils.

Findet Ihr auch, daß es ein ganz anderes Bild mit einer ganz anderen Stimmung ist? Wo Marcus’ Arbeit trotz ihre subtilen Skurrilität etwas Freundliches und Heiteres ausstrahlt, scheint die Überarbeitung viel entrückter, bedrohlicher …

Ich hatte dabei auch ein Motiv aus meinem Frankreichportfolio im Sinn, welches ich abschließend noch als Vergleichsarbeit (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigen möchte.

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Komposition: Blickführung

Komposition: Lichtquellen

Komposition: Lichtquellen

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Tonwerte: Histogramm und Zoneneinteilung

Tonwerte: Posterisation zur Darstellung von Blitzartefakten und Reinfarbigkeit

Tonwerte: Posterisation zur Darstellung von Blitzartefakten und Reinfarbigkeit

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Vergleichsarbeit: Cévennes, Mont de Lozère (2012)

Vergleichsarbeit: Cévennes, Mont de Lozère (2012)

***

Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite.

Orientierende Monitorprüfung

 

***

In der Rubrik ‘Bildkritik’ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.